Das waren noch Zeiten, als in den achtziger Jahren der Schriftsteller Hermann Burger vom Chefarzt der psychiatrischen Klinik eingeladen wurde, einen wissenschaftlichen Vortrag vor der Belegschaft der Klinik zu halten. Der Referent betrat das Rednerpult und hob – sich genüsslich eine Rössli 7 Aromatico anzündend – Zug um Zug zu einer Rede an, die eine genaue Zigarrenlänge dauerte. Wortreich und sachkundig war sein medizinhistorischer Rückblick auf die Literatur, in der die gesundheitsfördernde Wirkung der Nicotiana tabacum belobt wird, die von Hautkrankheiten, Mutterbeschwerden über Betäubung bei Schmerzen bis zu Magenkrämpfen reicht.

Zurzeit sind wir einem politischen Aktivismus zur Einschränkung des Rauchens ausgeliefert, der selbst zaghafteste Bedenken in die Nähe des Unbotmäßigen rückt. Politisch korrekt verhält sich einzig, wer die Negativliste herunterleiert, und wehe dem, der es wagen sollte, auch auf die Vorzüge und den gesellschaftlichen Beitrag des Rauchens aufmerksam zu machen. Nur schon die Frage zu stellen, wie es unsere Bevölkerung angesichts dieser todbringenden Seuche geschafft hat zu überleben, entlarvt den Häretiker.

Ob die an Hysterie mahnende Front einer Anti-Raucher-Gesellschaft gerade deshalb Hermann Burger, einen der genialsten Schweizer Schriftsteller, in Vergessenheit geraten ließ, ihn auf dem Altar der Political Correctness zu opfern bereit war? Seine Werke entstanden allesamt im Sog der blauen Trunkenheit.

Aber hier und heute ist der Tabakkonsum nur noch eine Gefahr für die Volksgesundheit. Der geistige und gesellschaftliche Mehrwert, der auch mit dem Rauchen verbunden ist, hat ausgedient.

Man mag sich fragen, woher dieser plötzliche Umschwung? Dass er einzig dem an Krebs erkrankten Marlboro-Mann zu verdanken sei und der darauf in den USA ausgebrochenen fundamentalistischen Hysterie, greift als Erklärungsmuster zu kurz. Dass der Kreuzzug gegen das Rauchen eine süße Rache aller Nichtrauchenden darstelle, die jahrhundertelang unter dem Dunst der anderen gelitten haben, kann die Dominanz des Themas in der Öffentlichkeit und die Hektik der Politik auch nicht erklären. Mir leuchten drei Hauptgründe für die emotionale Lawine, der mit sachlichen Argumenten nicht beizukommen ist, eher ein.

1. Der Wunsch nach Unsterblichkeit. Dem allgemein festgestellten Zerfall sozialer Bindungen entspricht eine überhöhte Erwartung an die Selbstverwirklichung des Individuums; der Egotrip sucht sich seinen Sinn im Religiösen, in den Lebensabschnittsbeziehungen, in der Hinwendung zum Erfolg versprechenden Beruf, zu den Verlockungen der Konsum- und Freizeitindustrie. Der tabuisierte Tod ist nicht mehr der Freund, mit dem man in einen Dialog tritt und sich auf die Natürlichkeit von Geburt und Sterben einlässt. Alles, was als gesund angepriesen wird, verspricht Zukunft. Die Sündenböcke sind leicht zu finden: Da Rauchende – es sind heute immer noch an die 30 Prozent der Bevölkerung – an allen Orten identifiziert werden können, erstaunt es nicht, dass sie zur Zielscheibe der Gesundheitsanbeter werden.

2. Zum lebensverlängernden Gesundheitsfimmel gesellt sich eine Pars-pro-Toto-Politik. Wie sollen wir gegen den CO₂-Ausstoß vorgehen, wie den Feinstaub bekämpfen? Wie gegen die im letzten Jahr um zehn Prozent angestiegene alkoholbedingte Unfallquote auf den Straßen ankämpfen? Weil eine Politik, die diesen Namen verdient, sich an den eigentlichen Problemen die Zähne ausbeißt und gegenüber den potenten Interessengruppierungen der Wirtschaft keine Chancen hat, flüchtet sie auf Nebenkriegsschauplätze und betreibt Sandkastenpolitik. Wo ein Hund beißt, wird nach einem Gesetz verlangt, wo sich jedoch Maßnahmen gegen die Autofahrerei, gegen das Vielfliegen oder gar gegen den Alkohol aufdrängten, da geht wenig bis nichts. Damit sind wir mittendrin im fundamentalistischen Sog: Es gilt, auf komplexe Fragen einfältige Lösungen anzubieten, die das Problem aus der Welt schaffen.