Nein, der Name Transocean steht nicht bloß auf einem Schweizer Briefkastenschildchen. Die Firma residiert in einem wuchtigen Bürosilo direkt an der Autobahn, und man arbeitet inmitten von USM-Haller-Möbeln und auf edlem Dunkelparkett. Als die Wirtschaftsmedien in den letzten Tagen also wieder von einem neuen Milliardendeal des Ölbohr-Konzerns zu berichten hatten, illustrierten sie die Meldung gern mit diesen Türmen gleich beim Stadtrand von Zug: Vier stahlgraue Großbauten, die Hunderte Arbeitsplätze erahnen lassen – das macht einen Weltkonzern her. Dass der Komplex in der Gemeinde Steinhausen steht, neben einem Maisfeld und einem kaum genutzten Bahnhof, und dass Transocean hier bloß ein einziges Stockwerk gemietet hat, muss da nicht weiter stören.

Zug, Switzerland. Von hier aus jedenfalls versandte der Konzern in der Nacht des vergangenen Montags die Mitteilung, dass er für gut eine Milliarde Dollar ein Drittel seiner Ölförderungs-Anlagen verkaufen will. Transocean, der Spezialist für Bohrungen im Meer, will sich aus den Flachwasser-Regionen zurückziehen und fast nur noch in der Tiefsee tätig sein. Medien wie Analysten garnierten diese Information gern mit dem Hinweis, dass "the Zug, Switzerland, Company" halt große Rückstellungen vornehmen musste, weil immer noch gewaltige finanzielle Forderungen wegen der Erdölkatastrophe im Golf von Mexiko drohten: Die Bohrplattform Deepwater Horizon, versunken im April 2010, hatte bekanntlich Transocean gehört.

Will man als Journalist aber mehr über diesen Konzern erfahren, so wird man von Steinhausen freundlich weitergeleitet – nach Houston, Texas. Transocean mag weltweit als Schweizer Unternehmen verbucht sein, aber in Amerika liegt das wahre Zentrum.

Es ist bemerkenswert: Immigration und Emigration, Herkunft und Verwurzelung sind ein Dauerthema in der Politik. Da wurde die Pauschalbesteuerung reicher Ausländer in den letzten Jahren zum umstrittenen Politikthema, da trüben tiefe Holdingsteuern für ausländische Unternehmen das Verhältnis zwischen der Schweiz und der EU, da tüfteln Regierung, Behörden und Parlament seit sechs Jahren an einem Gesetzespaket, das endlich klären soll, was "Swiss Made" ist und was nicht. Großkonzerne betonen derweil ihre helvetischen Wurzeln – mehr als noch vor wenigen Jahren –, aber daneben wandern völlig diskussionslos Firmenriesen ins Land, denen man das Adjektiv "unschweizerisch" mit bestem Gewissen anhängen könnte.

Schon mal von Ineos gehört? Das ist, gemessen am Umsatz, der siebtgrößte Konzern im Land. In den letzten vier Jahren kamen reihenweise Milliardenkonzerne in die Schweiz und besetzten ein paar Büroetagen, meist im Großraum Zug oder am Lac Léman; so die Energieanlagen-Betreiber Transocean, Weatherford, Noble und Foster Wheeler, so der Mischkonzern Tyco, der Industrie-Versicherer ACE oder eben Ineos – ein Chemikalienhersteller, der bis vor zwei Jahren noch britisch war. Zusammen beschäftigen diese Gesellschaften fast eine Viertelmillion Menschen weltweit, aber nur ein paar Hundert in der neuen Heimat Schweiz.

Der Briefkasten bei einem Zuger Anwalt wird nicht mehr akzeptiert

Dabei glichen sich die Statements, in denen man die Umsiedlung den Aktionären und der Öffentlichkeit erklärte, bis ins Detail. Gelobt wurde jeweils das stabile Umfeld der Schweiz, die zentrale Lage, das "sophisticated financial environment" oder das gute Steuersystem. Dass ein paar dieser – ansonsten sehr angelsächsischen – Unternehmen ihre offizielle Zentrale zuvor auf Inseln wie Bermuda oder den Caymans hatten, lässt ahnen, welche Rolle die schweizerische Steuerqualität bei der Wanderungsbewegung gespielt hat. Tatsächlich wurde seit Ausbruch der Finanzkrise die Luft für Firmen mit Sitz auf karibischen Steuerinseln immer dünner. Zunehmend vehement bekämpft die US-Steuerbehörde IRS nicht bloss private Bankkontoinhaber, sondern überhaupt alle Versuche, mit Firmengeflechten unter Palmen die Steuerrechnung zu verkleinern.

Transocean befindet sich also in bester Gesellschaft. Bevor das Unternehmen in die Schweiz zog, in dieses Binnenland mit bescheidener maritimer Tradition, hatte die weltgrößte Gesellschaft für Offshore-Erdölbohrungen ihren Hauptsitz auf den Cayman Islands. Jetzt beschäftigt sie knapp 50 Personen in der Schweiz, teils am Holdingsitz in Zug, teils in der Managementgesellschaft beim Genfer Flughafen. Auch der amerikanische CEO Steven Newman musste seinen Wohnsitz nach Versoix am Genfersee verlegen. Denn die Steuerwächter in Washington akzeptieren längst nicht mehr, dass ein Unternehmen allein dadurch zu einem schweizerischen wird, dass es einen Briefkasten bei einem Zuger Anwalt mietet – der Hauptsitz, so ihre Forderung, muss auch eine wirtschaftliche Wirklichkeit spiegeln.