Desaster Prevention, Katastrophenvorbeugung, ist ein beliebter neuer Begriff auf der Schwelle zwischen Sozialwissenschaft, Politik und Feuilleton. Er suggeriert vorab eine Beherrschbarkeit des Extremfalls. Hinterher ist die Versicherung zuständig. Genau in dieser Schwebe zwischen fünf vor zwölf oder fünf nach zwölf, zwischen Apokalypsedrohung oder Apokalypseverarbeitung bewegen sich etliche neue deutsche Romane. Die Nachfolger der Katastrophenliteratur der achtziger Jahre sind smarter, kybernetisch und kommunikationstechnisch aufgerüstet. Sie entwerfen gegenwärtige Welten, die mit einem leisen Ächzen ins Unglück kippen, oder zukünftige, die einen hohen Preis für Stabilität bezahlt haben; in jedem Fall solche, die auf die kapitalistische und technologische Bedrohung, auf ideelle Entwertung mit Coolness, Zynismus oder gespielter Anpassung reagieren. Die Global Players der Märkte bekommen jetzt globale Parodien entgegengestellt, das glatte Böse, das böse Glatte wird in sidolinsauberer Prosa gespiegelt. Und da sage keiner, die Literatur von heute sei von gestern, sie sei nicht von dieser Welt.

Man versenke sich zum Beispiel mit Thomas von Steinaecker ins karrieristisch durchmöblierte Innere einer Versicherungsagentin, die Katastrophen als Ressourcen sieht (Das Jahr, in dem ich aufhörte, mir Sorgen zu machen, und anfing zu träumen). Oder man lulle sich in der schönen neuen Wellness-Welt von Leif Randts Coby County ein, wo die Katastrophe für immer aufgeschoben ist. Man lese Shanghai Performance von Silke Scheuermann, wo es die Chinesen geschafft haben, ins Geheimnis der zerfallenden westlichen Welt vorzudringen, in die dekadente Kunst- und Designideologie im Innersten des Konsums. Und Chinesen, die sich einkaufen in den Westen, die den Westen kaufen, die der künftige Westen werden, fleißige, schnelle, gründliche Chinesen haben auch ihren großen Auftritt in Das Ende unserer Tage , dem ersten Roman des Journalisten Christian Schüle . Sie beginnen die durch lauter spirituell-esoterische Selbstideologisierung aufgeweichten deutschen Institutionen zu kaufen: Banken, Schifffahrtslinien, Kommunikationsagenturen. Mit den Chinesen kann man es offenbar machen: Sie sind so erfolgreich im globalen Markt-Maßstab, dass jeder Journalist und Schriftsteller glaubt, sie als neue Strippenzieher verunglimpfen zu dürfen, ohne der Xenophobie oder des Rassismus geziehen zu werden. So einen schlechten Stand hatten zuletzt die Japaner in den achtziger Jahren in den USA, zu Zeiten des japanischen Wirtschaftsbooms.

Die Chinesen also im Roman, die Chinesen in Hamburg und Harburg: Sie sind die heimlichen Herrscher, weil ihnen die moralisch entkernten deutschen Manager alles nicht nur verkaufen, sondern zutrauen. Im Vordergrund indes lärmen andere: spirituell überanstrengte Händler ichstärkender Ideen; Sex, Wellness, Schönheit und Erfolg verbindende Upper-Class-Sekten; body and mind- Gurus, die sich alle ans große Geld heften. In der leicht ins Künftige verrutschten Welt Christian Schüles sind es von der Bank zum Eso-Spuk keine zwei Schritte. Der Manager mit seinem human resources- Elitedenken ist genauso abgedreht wie die Spinalspiritistin, die alle menschlichen Belange von warmen Strömen zwischen Hirn und pedikürten Zehen ableitet. Die einen finanzieren, die anderen lenken die Aufmerksamkeit. Unentwegt tauchen neue Figuren, Institutionen, Abkürzungen auf: die mächtige Revitalistische Gesellschaft (RG), ihre Gegenspielerin, die SozialHumaneUnion (SHU), das Institut für vermeidbare Zusammenhänge, die MythoSystems, die nach dem kleinen Untergang die Reste zur Mythenkonstruktion aufbereiten, und so weiter.

Christian Schüle findet kein Ende mit all dem Vorzeigen, und er findet keinen Anfang, er findet keine Modulation, keine Dramaturgie, kein Stärker und kein Schwächer. Er will einen Gesellschaftsroman schreiben und reiht Farbdia an Farbdia. Jedoch, vor Anschauungszwang wird alles unanschaulich. Vor Actionzwang wird alles langweilig. Für eine Parodie ist es zu gewollt poetisch, zur Poesie der Beschreibung ist es nicht leise genug. Man liest sich durch gut dreihundert Seiten, bis einer etwas Triftiges sagt oder etwas passiert. Dann tritt der sozialhuman orientierte Charly Spengler gegen die elitären Revitalisten an, und das auch noch mittels eines Redefernduells mit Christian Wulff, der zufällig als Bundespräsident zum Tag der Deutschen Einheit spricht. Spengler ist lebhafter und kriegt mehr Applaus! Doch das bisschen Aufstand an der Elbe verpufft wie ein Tischfeuerwerk.

So viel lautes Geschrei, um so kläglich zu enden. Das hat nicht mal die sinnentleerte Herrscherkaste in den oberen Etagen der Macht verdient. Denn sinnentleert, dies die unfreiwillige Botschaft des Romans: das können wir längst schon selbst.