Irgendwie nicht einfach, über alles zu reden. Vor allem nicht, wenn man nur 50 Minuten Zeit hat. Präzisieren wir also das Sujet! Reden wir über etwas Spezifisches, zum Beispiel: über die Zukunft. Es ist Montagmorgen an der Führungsakademie der Bundeswehr in Hamburg. Ein schöner Sonnentag, Kinder spielen auf den Bundeswehrwiesen, Uniformierte strömen in den Saal. Graues Halbrundgebäude, graue Sitze, grauer Vorhang, graue Decke, dafür aber ein peppiges Buch, das präsentiert wird: CyberAge steht in Knallgrün auf den Werbebannern. Der Bergbauingenieur Norbert Hering und der evangelische Theologe Hartwig von Schubert haben es gemeinsam geschrieben. Sie wollen darin "das Ganze" in den Blick nehmen, die zivilisatorische Dynamik der Digitalisierung politisch-ethisch beurteilen, eine gesellschaftliche Diskussion anstoßen. Und der Anstoß beginnt hier, mit illustren Gästen.

Neben Autor von Schubert sitzen auf dem Podium: Wolfgang Clement, Minister a.D., als Moderator, Frank Schirrmacher, Mitherausgeber der FAZ, und Karl Schreiner, Brigadegeneral. Clement beginnt: "Das Buch fängt an mit dem Zitat: ›Vieles spricht dafür, dass wir derzeit Zeugen der Entstehung einer neuen Zivilisation auf unserem Planeten sind.‹ Mir scheint das ja sehr hoch gegriffen, geht’s ein bisschen kleiner?" Der Brigadegeneral antwortet: "Andere Gesellschaften sind schon viel weiter als wir, die bilden massig Cybersoldaten aus. Ich glaube, wir sind mit der Digitalisierung am Beginn einer neuen Zivilisation." Der Ton ist gesetzt. An diesem Vormittag wird hier nichts kleiner gedacht, nur größer, immer größer. Autor von Schubert: "Wir hatten physikalische, chemische und biologische Revolutionen in den vergangenen Jahrhunderten, jetzt sind wir gerade mittendrin in der mathematischen Revolution: In jedem iPhone steckt doch vor allem angewandte Mathematik." Und Frank Schirrmacher setzt noch einen drauf: "Ich sage voraus, dass es bald einen Algorithmen-Crash geben wird, den wir nicht verstehen. Dagegen ist Fukushima gar nichts." Das Buch? Nur ein Aufhänger für die überdimensionalen Fragen. Hier geht’s im Schweinsgalopp durch die Zukunft: Der Brigadegeneral fordert dazu auf, endlich zu begreifen, dass das, was wir als "virtuelle Welt" bezeichnen, längst integraler Bestandteil unserer Welt sei; von Schubert sagt, er sei als Christ trotz all des Wahnsinns Optimist; und Schirrmacher spricht von Datenpaketen, die so viele Informationen über uns enthielten, dass damit unser Handeln vorausgesagt werden könne und die gesamte Gesellschaft zur Ware werde.

Alles schön gespenstisch. Aber zum Glück gibt’s ja noch Wolfgang Clement. Der lässt sich von den ganzen wilden Fantasien nicht anstecken. Diese Zukunftsvision, sagt er, könne einen ja verängstigen. "Aber das ist doch regulierbar. Politisch!"