Zurück ins Jahr 1970. Das war eine komische Zeit. Die sechziger Jahre waren nicht nur numerisch vorbei, und die siebziger ließen noch nicht erkennen, was sie an Aufregung, Restauration und schlechtem Geschmack zu bieten haben würden. In diesem Jahr war Dennis Hopper , als Regisseur und Schauspieler mit Easy Rider berühmt geworden und längst eine fixe Größe auch in der Kunstszene, mit einer großen Fotoausstellung im texanischen Fort Worth Art Center vertreten. Man möchte sich vorstellen, wie sich hier zahnlückige Biker, betrunkene Kunstkritiker und zugedröhnte Hippies trafen, weil sie alle zu Recht dachten, es sei ihre Ausstellung. Es war ein großer Erfolg, aber zu dieser Zeit hatte Hopper das Fotografieren auch schon wieder aufgegeben. Nach der Ausstellung waren die 400 Fotografien verpackt worden und verschwanden erst einmal. Hoppers Leben war zu dieser Zeit gerade ein wenig, hm, unstet. Nach seinem Tod im Jahr 2010 wurde die große Kiste im Nachlass gefunden, unversehrt, wenn auch mit leichten Altersspuren. Und jetzt wird die Ausstellung des Jahres 1970 sozusagen nachgestellt, einschließlich der kargen und direkten Präsentationsweise, kleine Formate auf Karton, ohne Rahmen und ohne Glas, mit Holzleisten an der Wand befestigt.

Weiter zurück, in die Jahre zwischen 1961 und 1967, in denen die Fotografien entstanden. Es ist die große Epoche von Beat, Pop und Kunst, deren Ende, ob sie’s nun vorhatten oder nicht, Dennis Hopper, Peter Fonda und Jack Nicholson in Easy Rider vorwegnahmen. Die Geschichte? Junge Leute, die auf der Suche nach dem wahren Amerika sind, fahren Motorrad und werden am Ende von Leuten, die sich für wahre Amerikaner halten, erschossen. Vor allem aber geht es um Bilder. Oder um Augenblicke, wie man es nimmt.

Denn der Film Easy Rider sieht sich im Nachhinein wie eine farbige, aufgedrehte Fortsetzung von Hoppers Fotografien an. Die gleichen Symbole, die gleiche Vorliebe für Schattenspiele, die gleiche Suche nach dem »amerikanischen Raum«. Den »letzten Western« haben manche Kritiker Easy Rider genannt. Hoppers Fotos könnte man unter demselben Titel zusammenfassen.

Hopper fotografierte in den Jahren vor Easy Rider , wie man so sagt, wie besessen. Nachdem seine Freundin (und spätere Ehefrau) Brooke Hayward ihm zum Geburtstag eine Nikon geschenkt hatte, hängte er sich das Ding um den Hals und legte es nicht mehr ab. Hopper fotografierte beinahe alles und jeden, und das ist schon die erste, unfassbare Qualität des Fundes: Hopper wurde zum Chronisten einer Zeit, in der die Szenen und Impulse noch wundersam durcheinandergingen, Kunst und Pop, Drogen und Poesie, Straße und Glamour, das Politische und das Private, Hippies und Hell’s Angels.

Doch diese große Qualität eines radikalen Dabeiseins mit der Kamera wäre nicht so viel wert ohne eine zweite Qualität von Dennis Hopper, nämlich ein untrügliches Gespür dafür, ob ein Bild etwas taugt. Dieses Gespür für das Bild hatte Hopper als Kunstsammler, als Fotograf und dann als Filmemacher. Was er indes nicht hatte, war das Talent, sich zurückzuhalten, als Schauspieler, als Trinker und Drogenvernichter und als Bildermacher. Auch seine ruhigsten und poetischsten Fotos haben etwas Nacktes und Inständiges, es sind die Bilder von einem, der keine Ruhe gibt.

Sie wurden alle mit natürlichem Licht aufgenommen, und sie blieben unbeschnitten; umso mehr erzeugt sich der Eindruck, es nicht mit einem inszenierten Kunstwerk zu tun zu haben, sondern mit einem Ausschnitt der lebendigen Wirklichkeit, so als erwarte man, dass jemand mit dem Finger schnippt, und die Szene, die angehalten wurde, um einen tiefen und verborgenen Gehalt preiszugeben, würde einfach weitergehen.

Niemals ist es ein Blick von außen, immer ist es einer von mittendrin, und in dieser zugleich schüchternen und schamlosen Haltung bewahren die Bilder den Geist der sechziger Jahre, in denen es keine Trennung von Leben, Kunst und Politik geben sollte. Das macht die Unverschämtheit dieser Bilder im Nachhinein eben doch ganz anders als die Bilderbeuten unserer Tage. Das waren Menschen in einem Raum, in dem es diese strikte Trennung zwischen dem Öffentlichen und dem Privaten eben nicht gab. Und genau dies macht die kolossale Spannung in Hoppers Bildern aus, dass sie einen Moment der höchsten Intimität inmitten des Öffentlichen finden, genau so, wie sie das Allgemeine in einem sehr intimen Moment entdecken.