Georges Simenon hat eine eigene Gattung von Aphorismen provoziert, die dem Lob seines Werkes dienen. Simenons Romane, so heißt es zum Beispiel, seien "tiefsinniger und philosophischer als die Romane von Camus und Sartre, aber viel weniger prätentiös". Die Steigerungsstufe von "philosophisch" ist sehr erfreulich – sie musste eines Tages erstiegen werden. Aber unfair ist es, Künstler-Philosophen vorzuhalten, was ihr Gewerbe im Innersten zusammenhält, nämlich das Prätentiöse. Es dann auch noch gegen Simenon, den Virtuosen des Unprätentiösen, auszuspielen ist die entsprechende Steigerung.

Zu den Aphorismen steuert Simenon auch welche bei: "Der Roman ist nicht bloß eine Kunst und noch weniger ein Beruf. Er ist vor allem eine Leidenschaft." Bloße Kunst will keiner, Produkte eines Berufes will man auch nicht. Allein die Leidenschaft garantiert den Genuss, zumal Simenon mit einem anderen Aphorismus klarlegt, wer das letzte Wort hat: "Der Leser vollendet den Roman. So gesehen sind alle Romane unvollendet."

Der Roman von Simenon, den ich jüngst vollendete, ist in der Reihe "Ausgewählte Romane" als Band 33 erschienen: Schlusslichter. Es wäre gut, würde man alle Simenon lobenden Aphorismen zu einer Lobeshymne vertonen. Verfilmen könnte man den Roman Schlusslichter: Es ist ein Non-Maigret, auf einen französischen Kommissar wartet man vergebens, wäre ja auch ein Wunder, da die Handlung in Amerika, und zwar auf eine sehr amerikanische Weise spielt: Ein Ehepaar fährt, um die Kinder aus dem Feriencamp zu holen, im Auto auf den Highways. Gleichzeitig ist ein Gangster ausgebrochen, aber daraus wird kein Kriminalroman, sondern der Roman einer Ehe. Das hat schon was Existenzialistisches, etwas Sartrehaftes, wie am Ende Frau und Mann beschließen, in aller "Eigentlichkeit" zusammenzubleiben, also ohne den eingeübten Hass aufeinander. Den beiden winkt – nach einer Katastrophe – ein sogenanntes "neues Leben", eines, zu dem sie bewusst stehen, für das sie sich "entschieden" haben.

Das Buch stammt aus dem Jahr 1953. Aber was immer zeitgebunden daran erscheinen mag, eine der bleibenden Stärken Simenons merkt der Leser gleich von Anfang an: Wie kein anderer kann Simenon die Einsamkeit eines Trinkers beschreiben, der im Selbstgespräch eine spezielle Logik dafür entwickelt, sich davon zu überzeugen, dass der nächste Schluck sein muss und dass er ganz harmlos ist.

In Schlusslichter liest man, wie ein Schluck zum anderen führt und wie die ganze Sauferei schließlich das Bewusstsein verändert und auflöst. Der Säufer erreicht endlich, was er beim ersten Whisky als Ziel niemals angeben würde, nämlich den Sieg über eine ihm unerträgliche Wirklichkeit. Die "selige Benommenheit" tut ja dann auch die bekannte Wirkung: "Als er lässig und wie in Zeitlupe auf die Tür zuschritt, spielte ihm das wohlwollende und gönnerhafte Lächeln des starken Mannes um die Lippen, der unter lauter Schwächlinge geraten ist. Er fühlte sich wie ein Riese."

Filmisch erscheinen die Fahrt auf den Highways, das Stoppen bei den Bars, das Verirren auf den Straßen, der Straßenlärm und die Lichter im Dunklen. Bevor die Handlung die Kurve kriegt, kann der Leser den Eindruck haben, dass hier alles geradewegs ins Herz der Finsternis führt: in die Einsamkeit, in die endgültige Trennung, in den unbeherrschbaren Zufall, der zum Schicksal wird, in die Gewalt und die Vergewaltigung, in den Horror.