DIE ZEIT:Frau Kim , haben Sie das Gepäck auf Ihrer letzten Busreise bewusst auf dem freien Sitz neben sich platziert?

Esther Chihye Kim: Nein.

ZEIT: Dann haben Sie womöglich Ihre Beine quer über den Nachbarsitz ausgestreckt?

Kim: Auch nicht.

ZEIT: Das heißt, Sie mögen es, wenn sich auf einer langen Busreise jemand direkt neben Sie setzt?

Kim: Das hängt davon ab. Wie die meisten Menschen bevorzuge ich es, möglichst viel Platz zu haben und zu dösen, Musik zu hören oder zu lesen, ohne dass jemand Fremdes in meine Komfortzone eindringt. Als Soziologin bin ich aber an denjenigen interessiert, die sich neben mich setzen – und behalte meine Tasche deshalb auf dem Schoß.

ZEIT: Und? Wer nimmt Platz?

Kim: Meistens freundliche, unkomplizierte Leute.

ZEIT: Da haben Sie aber Glück.

Kim: Nein, wer darauf verzichtet, sich einzuigeln oder zu verbarrikadieren, bekommt einfach die netteren Sitznachbarn ab. Je länger Sie in Ihrer Abwehrhaltung verharren, desto wahrscheinlicher ist es, dass sich am Ende die größten Rüpel neben Sie setzen – diejenigen, die Ihre Tasche einfach zur Seite schieben. Das gilt jedenfalls, wenn der Bus voll ist, am Ende also sowieso jeder einen Nachbarn hat. Ist er dagegen nur mäßig voll, erreicht man tatsächlich ein Maximum an persönlicher Freiheit, je unsozialer man sich verhält. Ein weites Forschungsfeld.

ZEIT: Sie haben eine Studie zum Revierverhalten von Leuten in Überlandbussen veröffentlicht: Nonsocial Transient Behavior: Social Disengagement on the Greyhound Bus . Woher dieses sehr spezifische Interesse?

Kim: Ich bin für ein Projekt an der Universität dem Fall eines jungen illegalen Immigranten nachgegangen. Der war drei Tage lang im Greyhound-Bus unterwegs, um zu einem Vorstellungsgespräch zu gelangen. Fliegen konnte er nicht, weil er keinen Pass hatte. Ich nahm dieselbe Route und habe dabei beobachtet, was Menschen tun, damit sich niemand neben sie setzt. Das fand ich hochinteressant.

ZEIT: Volle zwei Jahre sind Sie dann für Ihre Studie kreuz und quer durch die USA gefahren. Was haben Sie festgestellt?

Kim: Es gibt ganz verschiedene Taktiken, Mitreisende von sich fernzuhalten. Zwei haben Sie schon angesprochen: einen freien Platz mit Gepäck besetzen oder sich quer über den Nachbarsitz fläzen. Man kann auch mit leerem, starrem Blick aus dem Fenster gucken. Dann denken Menschen, die zusteigen, man sei verrückt. Außerdem gibt es den Klassiker: sich schlafend stellen. Oder man setzt sich auf den Gangplatz, dreht den MP3-Player voll auf und tut so, als würde man Leute, die fragen, ob der Platz am Fenster frei sei, gar nicht hören. Letztlich ist der Bus wie eine Theaterbühne: Man führt, um eine bestimmte Wirkung zu erzeugen, eine entsprechende Pantomime auf.

ZEIT: Warum haben Sie sich auf Greyhound-Busse konzentriert?

Kim: Mir ging es darum, das Verhalten von Menschen auf längeren Reisen zu untersuchen. Und wer in den USA nicht fliegen oder im Auto fahren will, für den sind die Überlandbusse die erste Wahl. Züge verkehren bei uns ja längst nicht auf allen Strecken. Meine Ergebnisse sind aber sicher auf andere Länder und Verkehrsmittel übertragbar.

ZEIT: Mal ehrlich: Überraschend sind sie nicht.

Kim: Stimmt. Ich bekomme zahlreiche E-Mails von Menschen aus aller Welt, die schreiben: Genau das Gleiche erleben wir auch bei uns. Es ist doch interessant, dass es einen weltweit gültigen, ungeschriebenen Verhaltenskodex für solche Situationen gibt, finden Sie nicht?

ZEIT: Wie ist es eigentlich im umgekehrten Fall: Was tun Leute Ihrer Erfahrung nach, wenn sie wollen, dass sich ein bestimmter neu Zugestiegener zu ihnen setzt?

Kim: Wenn klar ist, dass der Bus oder der Zug zu voll wird, um für sich bleiben zu können, senden viele Menschen unbewusste Signale. Kommt jemand, den sie sich als Sitznachbar vorstellen könnten, rücken sie etwas zur Seite und machen besonders viel Platz. So habe ich es auf einer langen Fahrt erlebt. Mein Sitznachbar sagte mir bei einem Tankstopp, er sei sich sicher gewesen, dass ich mich neben ihn setzen würde. Als ich fragte, wie er das habe ahnen können, meinte er, er sei bei meiner Ankunft im Bus extra etwas beiseitegerutscht, weil er gewollt habe, dass ich mich auf den Platz neben ihm setze. Offenbar habe ich das Signal verstanden.

ZEIT: Wie erging es Ihnen, wenn Sie schlussendlich einen Sitznachbarn hatten und wussten: Sie müssen jetzt viele, viele Stunden mit ihm verbringen?

Kim: Auf meinen ersten Touren habe ich immer das Gespräch mit dem Menschen neben mir gesucht. Ich brauchte ja Material für meine Studie. Aber ich habe schnell gemerkt, dass ich mich damit unbeliebt mache. Einmal hat sich sogar jemand weggesetzt, ein unglaublicher Affront. Nicht sprechen und Abstand halten – das ist die soziale Norm bei solchen Reisen. Die meisten Menschen würden sich am liebsten unsichtbar machen. Das gilt im Übrigen zu jeder Tageszeit und für alle gesellschaftlichen Schichten. Die Studenten haben auf lange Unterhaltungen mit Unbekannten genauso wenig Lust wie Geschäftsleute oder Saisonarbeiter.

ZEIT: Aber verpasst man so nicht die Gelegenheit, ein nettes Gespräch zu führen? Oder sogar die Liebe seines Lebens zu finden?

Kim: Die Gefahr, in eine ermüdende Small-Talk-Schleife zu gelangen, ist leider ungleich größer als die Chance, sich wirklich gut zu unterhalten. Da ist es taktisch klüger zu schweigen. Und die Liebe Ihres Lebens werden Sie im Greyhound mit ziemlicher Sicherheit nicht finden. Glauben Sie mir: Wenn Sie drei Tage und Nächte unterwegs sind, dann wollen Sie nur noch ankommen und raus aus dem Bus. Sie sind müde, verspannt und riechen womöglich schlecht. Keine gute Ausgangslage, um sich unbedingt wiedersehen zu wollen.