di Lorenzo: Sie merken, dass ich immer wieder Schwierigkeiten habe, Ihnen zu folgen.

Schmidt: Sie müssen ja nicht! Ich bin kein Propagandist der Gewalt. Das ist eine der Lehren, die ich aus den beiden Weltkriegen gezogen habe. Gewalt ist an sich ein Übel, und ich will kein Teil dieses Übels sein. Gleichwohl sind Situationen eingetreten, in denen ich Gewalt ausgeübt habe. Als Beispiel weise ich hin auf die Geiselnahme von Hanns Martin Schleyer und von 90 Menschen , die in einem entführten Flugzeug saßen. Da haben wir Gewalt ausgeübt.

di Lorenzo: Ist es Ihnen immer noch lieber, dass die Chinesen in Deutschland investieren als die Amerikaner mit ihren "Scheißhedgefonds", wie Sie einmal gesagt haben?

Schmidt: Mir ist jede Investition in Deutschland wichtig, das sichert unsere Arbeitsplätze. Allerdings sind Hedgefonds eine Gefahr für die ganze Welt. Es gibt verschiedene Sorten, aber im Prinzip gehören sie alle unter Aufsicht, und es sollte eine klare Trennung zwischen Hedgefonds und Geschäftsbanken geben.

di Lorenzo: Also lieber eine chinesische Investition als einen Hedgefonds ?

Schmidt: Ich bin auch ein Gegner von chinesischen Hedgefonds.

di Lorenzo: Sie sind ein Gegner von chinesischen Hedgefonds, aber kein Gegner von chinesischen Menschenrechtsverletzungen.

Schmidt: Ich bin ein Gegner von allen Menschenrechtsverletzungen; aber ich bleibe ein Anhänger der Nichteinmischung in die Angelegenheiten eines anderen Staates.

di Lorenzo: Egal, was die Mächtigen dort anstellen?

Schmidt: Ohne Zusätze.

di Lorenzo: Aber Sie haben den Nationalsozialismus erlebt. Was wäre damals passiert, wenn andere Länder sich nicht eingemischt hätten?

Schmidt: Eines der anderen Länder, die sich eingemischt haben, hat auch im eigenen Land Menschenrechte verletzt. Die Einmischung der Sowjetunion war von den Deutschen provoziert worden, hier standen sich zwei ausschließlich machtorientierte Staaten gegenüber. Für Stalin waren die Menschenrechte genauso unwichtig wie für Hitler.

di Lorenzo: Für die Engländer und Amerikaner gilt das nicht.

Schmidt: Ja, die waren von anderer Machart.

di Lorenzo: Auschwitz begründet für Sie keine Pflicht zur Intervention?

Schmidt: Wir kommen hier in ein Gebiet, auf dem mir die Antworten schwerfallen. Es hat in der Geschichte der Menschheit mehrfach Fälle von Genozid gegeben. Aber die fabrikmäßige Ermordung von sechs Millionen Juden ist in der Weltgeschichte ein neuartiges Kolossalverbrechen. Und es verlangt nach neuen Antworten. Aber ich bin nicht derjenige, der die Antworten geben kann. Die allgemeine Redensart von der responsibility to protect ist jedenfalls keine ausreichende Antwort.

di Lorenzo: Ist das Ihr Ernst: Nicht einmal die fabrikmäßige Ermordung von Juden unter den Nazis rechtfertigt für Sie die Intervention anderer Mächte?

Schmidt: Ich habe gesagt, ich bin nicht derjenige, der auf dieses neuartige Phänomen eine Antwort hat.

di Lorenzo: Würden Sie wenigstens sagen, im Nachhinein war diese Einmischung ein Segen für Deutschland?

Schmidt: Sie war ein Segen für jedermann – obwohl sie gleichzeitig ungeheure Opfer verlangt hat, zum Beispiel in der Sowjetunion und in Polen, in Hiroshima, in Dresden oder Hamburg. Die Opferzahlen auf allen Seiten übertreffen alles, was wir seit dem Dreißigjährigen Krieg in Europa erlebt haben. Auch das muss man in sein Gewissen aufnehmen.