In ihrer zweiten intellektuellen Heimat, in Frankfurt am Main, ist die amerikanische Philosophin Judith Butler stets mit offenen Armen empfangen worden. Bei ihrem letzten Besuch war ihr Foto auf Litfaßsäulen plakatiert, sie lächelte milde von oben herab, eine Schutzpatronin des kritischen Denkens. Jetzt, am späten Dienstagnachmittag, ist alles anders. Butler will in der Paulskirche den Adorno-Preis der Stadt Frankfurt entgegennehmen, doch ihr schlägt Unmut entgegen, manchmal blanke Wut. "Keine Ehre für eine Israel-Hasserin", rufen Demonstranten, es gibt Pfiffe, nur eine kleine Gruppe von Juden hält dagegen. "Moralisch verderbt" sei diese Frau, hatte der Zentralrat der Juden in Deutschland wissen lassen, und sogar der israelische Botschafter fühlte sich aufgerufen, bei der Stadt Frankfurt zu intervenieren.

Butler, und daher rührt der Zorn, hatte in Berkeley Hamas und Hisbollah als "Teil der weltweiten Linken" bezeichnet. Das war eine inakzeptable Einlassung, aber Butler fühlte sich missverstanden, rückte einiges zurecht und kritisierte ihre Kritiker. Doch die Frage wog schwer wie Blei. Warum zählt eine Philosophin, die strikt auf Gewaltfreiheit besteht, die klerikalfaschistische Hamas zur Linken?

Es war nicht sicher, ob Judith Butler überhaupt nach Frankfurt reisen würde, aber sie kam – allerdings nicht, um ihren Gegnern zu antworten, sondern um gegen einen berühmten philosophischen Satz Widerspruch einzulegen, nämlich gegen Adornos Diktum: "Es gibt kein richtiges Leben im falschen." Nein, sagt die Preisträgerin höflich, damit sei sie nicht einverstanden, und so verwandelte sie den Satz erst einmal in eine Frage: Welche Gestalt hat ein richtiges Leben, "das es wert ist, betrauert zu werden inmitten einer Welt voller Ungerechtigkeit"? Butler entfachte ein Feuerwerk an Unterscheidungen und Paradoxien. Denn was ist überhaupt "Leben", und was ist "Moral"? Auf der einen Seite, da habe Adorno recht, sei Moral von "Zwang" und "Gesellschaft" durchsetzt; auf der anderen Seite aber sei jeder ein lebendiges "Ich", das auf unverwechselbare Weise moralisch sein will. "Ob ich ein Leben mit Wert führe, kann ich nicht selbst entscheiden, denn es zeigt sich, dass dieses Leben mein eigenes und doch nicht mein eigenes ist und dass ich genau darin ein soziales und ein lebendiges Wesen bin."

Diesem Zwiespalt entkommt man nicht, aber es gibt politische Bedingungen des richtigen Lebens. Zu ihnen gehört, nicht dauerhaft "prekär" leben zu müssen, nicht in sozialer Angst und Not, nicht in Unfreiheit. Die Frage nach dem richtigen Leben, und das war Butlers Pointe, wird damit zur Frage nach der richtigen Gesellschaft, und für sie kann, nein, für sie muss man kämpfen, gewaltfrei natürlich. Mit dieser Wendung war für Butler Adornos Satz widerlegt. Es gibt sehr wohl ein richtiges Leben im falschen, und zwar dann, wenn es Widerstand leistet gegen das schlechte – gegen die Unmöglichkeit, "ein Leben zu führen, das betrauert werden kann". Nur: Warum hätte Adorno ihr darin widersprechen sollen?