Kalte Mitteilung, heiße Zahl: Mehr als 20 Prozent der Arbeitnehmer in Deutschland arbeiten zu Niedriglöhnen. Wer sich angesichts dieser Botschaft des Statistischen Bundesamtes an chinesische oder indische Gehälter erinnert fühlt, dem sei gesagt, dass die Grenze zum Niedriglohn in Deutschland bei über zehn Euro in der Stunde liegt. Dieser Wert steigt mit, wenn die Löhne insgesamt zunehmen. Teilweise handelt es sich um Entgelte, die nicht einmal die Linkspartei korrigieren will. Man muss vorsichtig mit der Zahl umgehen, auch weil sich in ihr viele Teilzeit-Jobber und Zweitverdiener verstecken, die vor ein paar Jahren noch gar keine Hoffnung auf irgendeine Arbeit hatten.

Heiß ist die Zahl trotzdem, weil sie leicht, aber kontinuierlich steigt. Zu viele Arbeitnehmer bleiben unten im Lohngefüge stecken. Zu viele können sich deshalb keine auskömmliche Rente verdienen und sind trotz eines aktiven Arbeitslebens im Alter auf die staatliche Grundsicherung angewiesen.

Das zu beklagen hilft nicht. Der Entwicklung mit neuen staatlichen Subventionen und Regularien zu begegnen kann auch nicht die ganze Antwort sein, weil neue Steuern die Wirtschaft hemmen und engere Grenzen für akzeptable Arbeit auch mehr Menschen vom Arbeitsmarkt ausgrenzen würden. Es war ja gerade das Verdienst der Agenda 2010, dass sie Arbeit billiger und flexibler machte und dadurch mehr Menschen eine Beschäftigung fanden. Man kann kurzfristig eben nicht beides haben: mehr Arbeit und höhere Löhne.

Langfristig muss genau das aber das Ziel sein. Dafür gilt es, den Menschen die Hindernisse aus dem Weg zu räumen. Das erste Hindernis ist mangelnde Bildung. Deutschland ist im internationalen Schulvergleich besser geworden – gut ist es immer noch nicht. Zu oft bestimmt das Schicksal der Eltern den Werdegang der Kinder. Und das vor allem, weil Kinder von Migranten oder von Langzeitarbeitslosen benachteiligt werden.

Wo ist das große Programm, wie es viele Experten empfohlen haben, durch das talentierte Migrantenkinder genauso oft Ingenieur und Arzt werden wie der Großbürgernachwuchs? Es gibt wohl keine Milliardeninvestition, von der die Volkswirtschaft mehr profitieren würde.

Ein anderes Hindernis ist die sogenannte Eigernordwand für Geringverdiener, gebaut aus hohen Sozialabgaben und – für Unverheiratete – hohen Einkommensteuern. Diese Wand muss kleiner werden, auch das wäre eine lohnende Investition.

Man kann all das mit Gerechtigkeit begründen. Oder schlicht mit Ökonomie. Deutschland braucht mehr Fachkräfte, und dafür braucht es mehr Aufsteiger. Deshalb brauchen mehr Menschen sowohl die Fähigkeiten als auch den Anreiz, gut bezahlte Jobs zu ergreifen.