Es gibt in dieser Biografie viele schöne Geschichten über den Produzenten und Menschen Bernd Eichinger. Über seine breitbeinige und dann wieder zurückhaltende Art, über seinen Humor. In einer dieser Geschichten beschreibt Katja Eichinger, wie sie zusammen mit ihrem im vergangenen Jahr verstorbenen Mann ins Berliner Restaurant Borchardt geht. Eichinger sieht Peter Sloterdijk und ruft: »Bärchen!« Das war der Spitzname des Philosophen, der in den siebziger Jahren häufiger in Eichingers Wohngemeinschaft vorbeischaute. Seitdem hatten sich die beiden dreißig Jahre lang nicht gesehen.

Sloterdjik muss sich geärgert haben, denn Eichinger sprach ihn den ganzen Abend lang nur noch mit »Bärchen« an. Dann hielt Sloterdijk eine Rede darüber, wie biedermeierlich die Jugend heute sei und über die tollen alten Zeiten, in denen man so frei und ohne Eifersucht gelebt und geliebt habe. Bernd Eichinger habe nur lächelnd genickt und seine Wange am Weißweinglas gekühlt. Schließlich lehnte sich Sloterdijk rüber und stellte die Frage, für die der Vortrag offenbar nur der Vorwand gewesen war: »Sag mal, hast du damals mit meiner Freundin geschlafen?«

Aber in Katja Eichingers Biografie sind die siebziger Jahre nicht einfach nur der Hintergrund für Anekdoten und Was-waren-wir-für-Kerle-Klatsch. Sie sind auch, so erfährt man, die Zeit, in der Bernd Eichinger gemeinsam mit seinem Filmhochschulgefährten Uli Edel dreimal am Tag ins Kino ging, wo er am liebsten die Bilder von Roberto Rossellini, Vittorio de Sica, Federico Fellini und Luchino Visconti in sich hineinfraß. Der italienische Neorealismus sollte seine große Leidenschaft bleiben und Vorbild für seinen ersten Film werden.

Katja Eichingers Biografie, die einfach nur BE heißt, als seien allein die Initialen eine mythische Erscheinung, ist alles andere als mythisch umwölkt. Entstanden ist sie aus Gesprächen des Ehepaares Eichinger, aus Schilderungen von Freunden und Weggefährten und aus eingefügten Interviews. Sie ist ein Mosaik der Geschichten, Kleinigkeiten, beiläufigen Beobachtungen und Momentaufnahmen, die so genau erzählt sind, dass man gerne noch mehr über Schlafstörungen, Drehbesprechungen, Abendessen in L.A., Abendessen in Berlin, Abendessen in München, Verhandlungen und Supermarktbesuche erfahren will. Man liest gern vom überaktiven Bernd Eichinger, der keinen Kaffee trank, weil er ihn noch mehr aufgeputscht hätte. Vermutlich ist er als Kind in einen großen Topf Kaffee gefallen.

Der große Topf Kaffee war eine Weile das Internat in Deggendorf. Der Alltag dort bestand aus körperlicher Gewalt, Hagebutten in jeglicher Form und vor allem aus Langeweile. Eichinger gründete eine Rockband und legte sich mit dem Internatsleiter an. Womöglich war dieser fünfjährige Aufenthalt an der verhassten Schule einer der vielen Gründe für die Hektik, die Getriebenheit des zeitlebens unter Schlafstörungen leidenden Bernd Eichinger. Und womöglich lässt sich sein Aufstieg zu Deutschlands mächtigstem Produzenten auch als Bewältigung einer Ohnmachtserfahrung lesen. Nach der Internatszeit sprach er seinen Eltern, die ihn an diesen vermaledeiten Ort geschickt hatten, jegliche Autorität über sich und sein Leben ab.

Die Geschichte Eichingers, das sagt seine Frau mit sanfter Suggestion, ist die eines Mannes, der sich immer wieder behaupten musste, im Internat wie in Hollywood, gegen eine deutsche Kinolandschaft, die seine Visionen mit Größenwahn gleichsetzte, gegen widerspenstige Geldgeber und gegen das deutsche Feuilleton, das seinen Filmen wenig abgewinnen konnte. Daher liest sich BE über weite Strecken wie ein Werkstattbericht, der den Leser mit in die Welt und hinter die Kulissen eines leidenschaftlichen Machers nimmt: Bernd Eichinger half mit einer schlauen PR-Kampagne, Das Boot zu einem Welterfolg zu machen. Wie kein anderer Produzent versuchte er sich mit seiner Firma Neue Constantin an der Hollywoodisierung des deutschen Kinos. Er produzierte den Generationenfilm Wir Kinder vom Bahnhof Zoo und Kommerzknaller wie Ballermann 6 und Werner – gekotzt wird später. Man liest, wie er David Bowie dazu bekam, sein Berlin-Konzert in den Christiane-F.-Film einzubauen, und wie er und Tom Tykwer mit Leonardo DiCaprio ewig über die Hauptrolle in Das Parfum verhandelten.

Er versuchte gemeinsam mit Uli Edel, aus der Geschichte der RAF einen Actionfilm zu machen und hatte die Unverfrorenheit, Adolf Hitler in Oliver Hirschbiegels Der Untergang weinend im Führerbunker zu zeigen. Als er den Untergang schreibt, fragt ihn seine Mutter, die einst als Kind im Chor für Hitler sang: »Muss das denn sein?« Und Bernd Eichinger sagt: »Ja, Mutti, das muss sein.«