Wer Kelten ernst nimmt, demontiert als Erstes ihren Mythos. Der steckt schon im Begriff die Kelten, der suggeriert, ein Volk mit diesem Namen habe existiert. Die Vorstellung reicht weit zurück, im 19. Jahrhundert herrschte »Keltomanie«. Man zählte die Kelten zu den ältesten Völkern der Welt.

Doch das diffuse Bild vom Keltenvolk, das einst Europa beherrschte, entbehrt jeglicher Grundlage. Vielmehr generierten »nationalistische Wunschvorstellungen« dieses Zerrbild von einer angeblichen Einheit, analysiert die Leipziger Ur- und Frühgeschichtlerin Sabine Rieckhoff . Nicht einmal der Bezug der britischen Tradition zu den Kelten halte einer Überprüfung stand. Weder Iren noch Waliser noch Schotten seien vor dem 18. Jahrhundert auf die Idee gekommen, sich als Kelten zu bezeichnen, hätten nicht Akademiker sie einer »keltischen« Sprachfamilie zugeordnet.

Trotz der Zerschlagung der Idee von einer keltischen Einheit verspricht uns die Große Landesausstellung Baden-Württembergs , die in dieser Woche in Stuttgart ihre Tore öffnet, Einblick in die »Welt der Kelten«. Verspricht sie uns zu viel? Zeichnet sie ein überholtes Bild?

»Kelten-Fans, Irland-Romantiker und Esoteriker« schreibt Rieckhoff im Katalog zur Ausstellung, müssten sich erst einmal an das ernüchternde Fazit gewöhnen: »Mittelalterliche irische Heldensagen haben nichts zu tun mit kontinentalkeltischen Traditionen, neuzeitliche irische Folkloren nichts mit vorchristlichen, heidnischen Ritualen.« Mit einem Wort: Die Kelten gab es nie. Doch das Vorurteil ist zäh. So werden etwa die Steinkreise von Stonehenge bis heute als keltisches Heiligtum gepriesen – ungeachtet der Tatsache, dass die Anlage bereits seit tausend Jahren verlassen war, als die keltische Kultur ihren Anfang nahm.

Was bleibt also von den Kelten? Eine Vielzahl regionaler Gruppen mit eigener Ökonomie, Religion und Kultur, von denen sich einzig ein paar Stämme in Mittelgallien als Kelten bezeichneten. »Wir wissen schlicht nicht«, sagt Rieckhoff, »wie die Ethnien in Süddeutschland genannt wurden, ja nicht einmal, ob sie Keltisch sprachen.«

Und doch lässt sich auf diesem keltischen Trümmerfeld aufbauen – und erneut nach Gemeinsamkeiten Ausschau halten. Es bedarf nämlich keineswegs einer einheitlichen Nation, um in Kunst und Kunsthandwerk einen Stil zu entwickeln. Das war damals nicht anders als in der heutigen Popkultur. Und so gibt es durchaus eine klare Linie, die sich durch das keltische Schaffen aus den acht vorchristlichen Jahrhunderten bis hin zu irischen Handschriften des Mittelalters zieht. Die Stuttgarter Ausstellung zeigt: Viele Ethnien können beteiligt sein, wenn neue Ausdrucksformen zu einem kontinentübergreifenden Stil werden.

Am enthusiastischsten erklärt dies der Kurator selbst. Thomas Hoppe sieht aus wie Joachim Löw . Und er zappelt durch die Ausstellung wie der Bundestrainer während eines Spiels der Nationalmannschaft. Bei Hoppe aber ist die Unruhe gepaart mit vorbehaltloser Begeisterung. Er rennt von einer Vitrine zur nächsten, erzählt schon von der übernächsten und erklärt, was dieses Exponat mit dem vorletzten zu tun hat.

Dabei zerstört auch Hoppe Vorurteile. Antike Autoren bezeichneten »die Kelten« als barbarisch, was dazu führte, dass deren Kunst bis heute unterschätzt wird. »Doch das hier«, sagt Hoppe gestikulierend, »ist voller schöpferischer Kraft.« Geometrisch verzierte Teller aus Münsingen-Böttingen, gefertigt im 7. Jahrhundert vor Christus, sind ebenso Belege für die Kunstfertigkeit der frühen Bewohner Süddeutschlands wie der lebensgroß in Stein gemeißelte Krieger von Ditzingen-Hirschlanden aus dem 6. Jahrhundert vor Christus oder der sieben Kilogramm schwere Trichtinger Silberring mit den Rinderköpfen, die sich seit zwei Millennien tief in die Augen schauen. Dass die Kelten sich für mehr interessierten als nur den viel zitierten Schädelkult, zeigen auch hölzerne Tierskulpturen, bronzene Wildschweine, Achsnägel mit Eulenköpfen oder ein Schwanenhelm aus Frankreich: alles Zeugnisse, die belegen, mit welcher Begabung diese Kunsthandwerker Lebewesen stilisierten.