»Kommen Sie«, sagt Gerhard Finckh und entfernt die Absperrung an der Treppe zum Obergeschoss, »wir schauen mal, wie’s oben aussieht.« Gerade erst sind die Bilder der großen Sturm- Ausstellung in ihren Klimakisten abtransportiert worden. Nun bereiten Handwerker die Tageslichträume im Wuppertaler Von der Heydt-Museum für das nächste große Kunstereignis vor. Gemälde von Peter Paul Rubens werden dort ab Mitte Oktober für viereinhalb Monate zu sehen sein. Als »Genscher des 17. Jahrhunderts« will Finckh den Flamen in seinem Museum zeigen: als malenden Diplomaten, der auf unzähligen Reisen versuchte, den Achtzigjährigen Krieg zwischen Spanien und den Niederlanden zu beenden und den Dreißigjährigen Krieg zu verhindern. Im ersten Raum des Parcours sind bereits hellbraune Wände aufgebaut. Auf ihnen soll die Fassade von Rubens’ Wohnhaus in Antwerpen entstehen. Rot-weißes Klebeband markiert, wo bald die Bilder hängen werden. Von leerem Raum zu leerem Raum führt Finckh, erzählt, was wo zu sehen sein wird – mit ruhiger Stimme, präzise und doch voller Enthusiasmus. Und innerhalb von zehn Minuten entsteht vor dem geistigen Auge des Besuchers, was in der Imagination des Direktors längst eine fertige Ausstellung ist.

Mindestens so viel Vorstellungskraft braucht man, um sich Wuppertal als blühende Kulturmetropole ins Gedächtnis zu rufen. Dass es der Stadt heute nicht gut geht, sieht man in unmittelbarer Nähe des Von der Heydt-Museums. Wo früher an Wall, Turmhof und Poststraße Boutiquen und gehobener Einzelhandel ihre Kunden fanden, reihen sich nun Handyshops an Bäckereikettenfilialen und Billigmodeläden. Viele Geschäfte stehen leer. Das elegante weiße Schauspielhaus an der Bundesallee ebenfalls – weil das Geld für eine Sanierung fehlt. Einst inszenierten hier Arno Wüstenhöfer, Peter Zadek und Luc Bondy ; die Wuppertaler Bühnen zählten zu den führenden in Deutschland. Inzwischen wurde der Etat immer weiter gekürzt, das Ensemble verkleinert. Längst spielt es nur noch im Foyer, vor weniger Zuschauern, als das benachbarte Großkino hat, und im Barmer Opernhaus – wie das legendäre Tanztheater von Pina Bausch , das auch drei Jahre nach dem Tod der Prinzipalin noch von deren Stücken lebt und nach neuen Konzepten sucht. Knapp elf Prozent beträgt die Arbeitslosenquote in Wuppertal, über zwei Milliarden Euro die Schuldenlast der Stadt.

Im Büro von Gerhard Finckh hängt ein kleines Gemälde der in Berlin lebenden Künstlerin Caro Suerkemper : Mädchen werfen einem Mann auf einer Bühne Rettungsringe zu. Mit seiner Situation, sagt Finckh lächelnd, habe das Bild allerdings so wenig zu tun wie die karge Pappmaschee-Brezel, die an einer anderen Wand hängt. Das Werk von Claes Oldenburg schenkte ihm seine Frau, eine Journalistin, zur Erinnerung an seine bayerische Heimat. »Mir geht es gut in dieser Stadt«, sagt Gerhard Finckh, für den sich in den vergangenen Jahren auch eine Reihe anderer Städte interessiert haben. Für das Folkwang Museum in Essen , an dem er zehn Jahre lang als Ausstellungsleiter arbeitete, war der 60-Jährige im Gespräch. Und auch für den vakanten Leitungsposten im Wallraf-Richartz-Museum in Köln wird zurzeit sein Name genannt. »Warum sollte ich hier weggehen?«, entgegnet Gerhard Finckh ruhig. »In Wuppertal habe ich doch komfortable Möglichkeiten.«

Rubens ist das siebte große Ausstellungsprojekt, das der promovierte Kunsthistoriker innerhalb von fünf Jahren für das Von der Heydt-Museum geplant und umgesetzt hat. Schon kurz nach dem Wechsel aus Leverkusen nach Wuppertal fasste er 2006 den tollkühnen Plan, im eigenen Haus eine Renoir-Ausstellung zu veranstalten, auf der Grundlage von sechs postkartengroßen Ölskizzen: »Ich wusste, dass die eigene Sammlung, obwohl sie großartig ist, allein kein großes Publikum mehr anzieht. Ich wollte das Museum wieder zu einem lebendigen Haus machen, das seine Themen selbst sucht und findet. Und ich wollte dafür nicht die viel zu kleinen, fensterlosen Wechselausstellungsräume in der Mitte haben, sondern das gesamte Obergeschoss.« Im eigenen Haus und in der Stadt war die Skepsis groß. Seine Vorgängerin hatte lieber fertige Ausstellungspakete eingekauft, die durch die Republik tourten. Finckh aber behielt recht: Weil sie die erstklassigen Bestände des Von der Heydt-Museums kannten, liehen unter anderem das Art Institute of Chicago und das Museum of Modern Art tatsächlich Renoir-Werke nach Wuppertal aus. 100.000 Besucher kamen, und die Skeptiker schwiegen fortan.