Dörfer ohne Bauern werden bald keine Höfe mehr haben, sondern nur noch Häuser mit Garagen oder Carports. Die dörflichen Neubauten der letzten Jahrzehnte unterscheiden sich in nichts von neu entstandenen Stadtrandsiedlungen. Auch ihre Bewohner sind in derselben Weise wie die Stadtbevölkerung unbeteiligt an der Nutzung und Pflege der sie umgebenden Landschaftsräume und außerstande, einen Teil ihres Lebensunterhaltes als Selbstversorger zu erwirtschaften.

Da es kaum dörfliche Arbeitsplätze gibt, teilt sich die heutige Landbevölkerung in zwei Gruppen: die Erwerbstätigen, die täglich mit dem Auto in die Stadt zur Arbeit fahren (oder wöchentlich nach Westdeutschland pendeln) – und die Erwerbslosen, die zugleich beschäftigungslos sind und zu hundert Prozent von Sozialleistungen leben, das heißt, nichts von dem Selbstversorgungspotenzial nutzen, das im ländlichen Umfeld vorhanden ist (Gartenbau, Kleinlandwirtschaft). Hinzu kommen die älteren Menschen, die komplett von fremder Hilfe abhängig sind, sobald sie nicht mehr selbst Auto fahren können.

Als die Vierseithöfe gebaut wurden, konnte eine Familie mit ein paar Angestellten auf und von einem solchen Hof und den dazugehörigen Äckern und Wiesen gut leben. Die Mehrheit der ländlichen Bevölkerung arbeitete als Kleinunternehmer im selbst gestalteten Wohnumfeld. Solange das so war, gab es in den Dörfern auch noch Schmiede und Tischler, Läden und Gastwirtschaften, Schulen und Arztpraxen, Gemeinde- und Pfarrämter. Heute ist davon kaum noch etwas übrig. Dies hat im Wesentlichen zwei Ursachen: zum einen, weil durch Massenmotorisierung und billiges Öl jedes Stück Butter und jedes Brot in der Stadt gekauft wird; zum anderen, weil die Bauernschaft als tragende Schicht des ländlichen Raumes nicht mehr existiert. (...)

Die Entvölkerung wird von den betroffenen Menschen als ein schmerzlicher Verlust an Freiheit, Selbstständigkeit und Partizipation wahrgenommen – und dem heutigen »politischen System« insgesamt angelastet. In der Tat spricht vieles dafür, dass sich die verfehlte Agrarpolitik in Ostdeutschland auch in den politischen Stimmungen der Landbevölkerung niederschlägt. Jörg Gerke meint, dass die besonders hohe Wahlabstinenz und das überdurchschnittlich gute Abschneiden rechtsextremer Parteien in den ländlichen Räumen Ostdeutschlands mit der tiefen Enttäuschung der ländlichen Bevölkerung von der Agrarpolitik der etablierten Parteien zusammenhängt.