Die Frage: Ruth und Johannes haben sich während des Medizinstudiums kennengelernt. Jetzt ist Johannes auf dem Weg zum Oberarzt. Ruth kümmert sich um die zwei Kinder. Eines Tages bekommt sie einen anonymen Brief: Sie solle besser auf ihren Mann aufpassen, der habe ein Verhältnis. Johannes gesteht, da sei mal etwas gewesen, aber er habe die Sache beendet. Ruth möchte ihm verzeihen, er ist so schuldbewusst und macht viel mehr mit der Familie als früher. Warum nur vergeht kein Tag, an dem sie Johannes nicht mit den heftigsten Vorwürfen zusetzt und ihn mit deftigen Ausdrücken beschimpft? Sie kann sich danach selbst nicht mehr leiden und würde das gerne abstellen.

Wolfgang Schmidbauer antwortet: Ruths psychische Situation war untergründig schon belastet, bevor der Seitensprung ans Licht kam: Sie hat auf ihre Karriere verzichtet, um Johannes den Rücken freizuhalten. Vorwürfe sind verdorbene Wünsche. Ruth und Johannes zahlen jetzt den Preis dafür, dass sie es sich beide mit der Entscheidung über die Verteilung von Karriere und Kinderarbeit zu leicht gemacht haben. Es geht bei den beiden nicht um Nachsicht mit einem sexuellen Fehltritt, sondern um die Revision eines Lebensplans. Johannes sollte nicht den reuigen Sünder spielen, sondern mit Ruth herausfinden, was sie tun kann, um ihr Selbstbewusstsein zurückzugewinnen.