Wie ziemlich jeder habe ich mir den Film mit dem Titel Ziemlich beste Freunde angeschaut. Es ist ein ziemlich hübscher Film, der ziemlich viel für das deutsche Wort "ziemlich" getan hat.

Ein Leitartikel in der FAZ über den Staatsbesuch von Angela Merkel in China trägt den Titel: "Ziemlich beste Freundin". Ein Bericht der Otto Brenner Stiftung über die Wulff-Affäre kommt unter folgender Überschrift daher: "Bild und Wulff – ziemlich beste Partner". Der Bericht des Spiegels über das Kinoland Frankreich heißt natürlich "Ziemlich beste Komödien". Die Variante "ziemlich beste Feinde" aber ist so beliebt, dass man sie heutzutage fast überall antrifft – sowohl ein Spiegel- Text über Missgunst und Niedertracht in der Politik als auch ein vergleichender Autotest des Konkurrenten Focus über den Porsche 911 Cabrio und den Boxster tragen den Titel "Ziemlich beste Feinde".

Das wird jetzt immer weiter variiert und verfeinert. Eine Filmkritik in der tageszeitung, zu dem Film Starbuck: "140 ziemlich beste Freunde". Eine andere Kritik, diesmal in TV Spielfilm , über eine französische Komödie mit Köchen darin: "Ziemlich beste Köche". Auf gut Glück habe ich einfach mal, nur weil der Hund gerade gebellt hat, die Formulierung "ziemlich beste Hundefreunde" gegoogelt. Texte zum Thema "ziemlich beste Hundefreunde" findet man unter anderem in den Blogs Hasenbrot und Schnoggel .

Ich bin sicher, dass man inzwischen auch was über "ziemlich beste Frauen", "ziemlich beste Reiseziele" und "ziemlich beste Nasen-OPs" findet. Das muss ich nicht googeln, das weiß ich auch so. Die Formulierung ist inzwischen so weit verbreitet, dass die ersten damit anfangen, sie zu überbieten. In den Potsdamer Neuesten Nachrichten beginnt eine Reportage folglich mit dem Satz: "Andreas und Jens sind mehr als ziemlich beste Freunde." Sie sind ziemlich allerbeste Freunde, vermute ich.

Inzwischen habe ich eine solche Phobie gegen Wortkombinationen mit "ziemlich" entwickelt, dass ich kaum noch das politische Tagesgeschehen verfolgen kann, ich habe Angst davor. Diese Kolumne schreibe ich auf ärztlichen Rat, um mich zu desensibilisieren.

Mit den Moden verhält es sich so, dass man sie immer erst mal neu findet, und zwar leider nur relativ kurz. Dann hat man sich daran gewöhnt. In dieser Zwischenphase fällt einem die Mode überhaupt nicht mehr auf. Sie wirkt weder positiv noch negativ. Im Stadium Nummer drei merkt man, dass eine Sache, die anfangs originell schien und dann nicht mehr ganz so originell, inzwischen überall gemacht wird und nervt. Wer jetzt noch auf den Zug aufspringt, erreicht genau das Gegenteil des Gewünschten. Statt auffällig originell wirkt diese Person auffällig unoriginell.

Ein ähnlicher Fall war die Schreibweise mit dem Großbuchstaben in der Mitte. Aus der ohnehin fragwürdigen "Bahncard" musste aus Originalitätsgründen eine "BahnCard" werden, die Tübinger Kulturnacht 2012 trägt den Titel "KrisenFest", und nahezu alle Galerien, die ich kenne, heißen neuerdings "EigenArt". Originell war dies leider nur zwischen dem 7.11., 15 Uhr, und dem 21.12. des Jahres 2005. Zur Risikovermeidung rate ich allen Kreativen, es einfach mal ohne Originalität zu probieren. Unoriginell zu sein ist heutzutage das Mutigste und Originellste überhaupt. "Bahnkarte" klingt hammergeil kultiviert, und wer einfach eiskalt "gute Freunde" schreibt, der gewinnt bei den Olympischen Spielen der Originalität die Goldmedaille.

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