Thom Brownes Lieblingsfilm ist Der unsichtbare Dritte von Alfred Hitchcock aus dem Jahr 1959. Darin drückt Cary Grant mit einem Satz die ganze Idee von Männlichkeit jener Zeit aus. Er wird bedroht und sagt, in Anzug, mit Krawatte, keine einzige Haarsträhne verrutscht: »Hören Sie, ich habe einen Job, eine Sekretärin, eine Mutter, zwei Exfrauen und einige Barkeeper, die von mir abhängig sind, und ich habe nicht vor, sie zu enttäuschen, indem ich mich von Ihnen töten lasse.«

Männer trugen damals Anzug, die einen teure, die anderen nicht so teure, aber Anzug trugen fast alle. »Mir gefällt die gepflegte Uniformität«, sagt Browne. Er selbst hat an diesem heißen Julitag in Mailand kurze Hosen zum klassischen Herrenschuh an, Hemd, Krawatte und eine Anzugjacke, die eng sitzt. Das sieht ordentlich und zugleich absurd aus, aber andererseits sehen zurzeit viele Männer in Mailand und anderen Modestädten genauso aus. Thom Browne ist derjenige, der in der Männermode die Trends vorgibt. Ihn imitieren die anderen Designer, Traditionshäusern verhilft die Zusammenarbeit mit ihm zu Umsatz. Bislang waren die Stars der Mode die Designer, die für Frauen schneiderten. Inzwischen kann man auch zum Liebling der Branche werden, wenn man ausschließlich für Männer entwirft .

Der Markt für Luxusherrenmode wächst rasant – und zwar jährlich um 14 Prozent, wie die Berateragentur Bain & Company kürzlich berichtete. Dagegen erscheint der Markt für Frauenmode mit sieben Prozent Wachstum fast gesättigt. Hugo Boss , das deutsche Unternehmen, das hauptsächlich mit Männerkleidung Geld verdient, will den Umsatz bis 2015 sogar um 50 Prozent steigern. In London gab es im Juli zum ersten Mal eine Modewoche für die Herren, die Prince Charles persönlich eröffnete. Er, der vor nicht so langer Zeit noch wie eine hilflose Person wirkte, wird in den zahlreich werdenden Männermodeblogs inzwischen gern als Stilikone bezeichnet.

Der Papst als Modevorbild

»Männer sollten, was ihre Kleidung angeht, nicht so viel Auswahl haben«, sagt Thom Browne. Das haben sie aber, seit die Jugendkultur die Mode bestimmt, seit den sechziger Jahren, seit Kleidung Ausdruck der Persönlichkeit sein soll. In Brownes Augen hat das nur dazu geführt, dass die meisten Männer heute schlampig angezogen sind.

Gut angezogen dagegen sei der Papst. »Unglaublich schick«, sagt Browne. Ebenso George W. Bush. Wo andere Politisches und Gesellschaftliches sehen, sieht ein Designer Stil. Für Browne ist das alles ein Spiel. Er ist kein Katholik, und er ist kein Nostalgiker. Er will auch gar nicht zurück in die Zeit der Hitchcock-Blondinen, sagt er. Das sehe man daran, dass er zum Beispiel grundsätzlich seine Hemden nicht bügele und den Knopf seines Button-down-Hemdes nicht schließe. Es seien vielleicht nur Details, aber die machten kenntlich, dass er im Jahr 2012 lebe.

Thom Browne ist in New York Kreativdirektor des von ihm gegründeten, auf seinen Namen lautenden Unternehmens (Anteile hält ein japanischer Investor.) Er entwirft außerdem eine Linie für Brooks Brothers, den ältesten amerikanischen Herrenausstatter. Bei Moncler, der italienischen Traditionsmarke für Skibekleidung, ist er verantwortlich für die High-Fashion-Kollektion Gamme Bleu. Im Mailänder Hauptsitz von Moncler sitzt er strahlend vor einem, in einem fensterlosen Showroom im Untergeschoss. Es herrscht hier zwischen den Kleiderstangen absolute Ruhe. Die PR-Leute sind wieder nach oben gegangen, die Hitze bleibt draußen. Browne hat einen guten Teint, als wäre er selbst einer dieser sportlichen Neuengland-Männer, deren Garderobe er so inspirierend findet. Lächelnd zeigt er seine großen amerikanischen Zähne und sagt: »Ich liebe es einfach, zu arbeiten!« Vielleicht verträgt man Stress besser, wenn man Erfolge feiern kann. Die Woche zuvor hat er im Weißen Haus mit Michelle Obama zu Mittag gegessen – Barack war leider anderweitig beschäftigt – und hat von ihr den renommierten National Design Award des Smithsonian Cooper-Hewitt Museum entgegengenommen.

Als Browne aber vor ungefähr sieben Jahren damit begonnen hat, die Hosen der Anzüge um einige Zentimeter zu kürzen, war die Hölle los. »Ob ich nicht ganz dicht sei, wurde ich von den Einkäufern gefragt. Es war, als hätte ich ein Abendkleid für Männer entworfen. Dabei waren es wirklich nur wenige Zentimeter, um die ich die Hosen gekürzt hatte.« Ein Kritiker nannte ihn einen »Bilderstürmer«, ein anderer sagte, seine Kollektionen seien »Anschläge auf die Herrenmode«. Denn Brownes Mode war nicht lässig wie die Rockstar-Anzüge, die Hedi Slimane damals für Dior entwarf. Browne schwebte ein jungenhafter, etwas schräger Ostküsten-College-Look vor.