München ist unstrittig der Geburtsort des Nationalsozialismus. Hier wurde die NSDAP im Februar 1920 gegründet. Von hier aus konnte Hitlers Partei in den zwanziger und frühen dreißiger Jahren zur Massenbewegung anwachsen. Fast sieben Jahrzehnte nach dem Ende der Nazi-Barbarei will man in München nun ein NS-Dokumentationszentrum errichten, exakt an der Stelle, an der die Parteizentrale stand, das berüchtigte "Braune Haus". Mittlerweile hat ein Historikergremium ein Ausstellungskonzept ausgearbeitet. Und alle fragen sich: Was da jetzt entstehen soll, wird es endlich erklären, warum sich diese Ideologie ausgerechnet hier, in der bayerischen Hauptstadt, ausbreiten konnte?

Warum München? Die Frage zu stellen und sie doch nicht recht zu beantworten ist vor allem unter Münchnern üblich. Lieber verweist man auf die damals hier wie im ganzen Reich so "fruchtbaren Böden", auf denen die Saat aufgehen konnte. Die Schuld wird dann der allgemein schlechten Stimmung nach dem Ersten Weltkrieg zugeschoben, dem Vertrag von Versailles, der Not der Inflation und den diversen völkischen und anderen antidemokratisch-radikalen Strömungen nach 1918/19. Der "Boden" der Münchner Lebenskultur aber, mit dieser Stimmung, wie sie damals in den politischen Versammlungssälen der großen Brauhäuser herrschte, wird in München gern ausgespart, wenn es um Ursachenforschung geht.

Trotzdem kann den Münchnern, zuvörderst den politisch Verantwortlichen und den Ausstellungsmachern, die Frage nicht erspart bleiben: Gibt es nicht auch einen speziellen Münchner Faktor? Und wenn ja, wo liegt die Verbindung zwischen der Geburt der NS-Bewegung und der Münchner Kultur?

Eine leise Ahnung von jener aggressiven Mischung aus zur Schau getragenem lokalpatriotischem Selbstbewusstsein, Weltherrschaftsanspruch und Bierseligkeit bekommt der Auswärtige noch heute etwa beim Maibock-Anstich im Hofbräuhaus vermittelt. Wenn vom guten bayerischen Bier gerötete schwitzende Politiker über Wäldern von diesen unfassbar großen Tongefäßen kauern, ab und zu in gewaltigen Schlucken daraus trinken und dabei schenkelklopfend über derbe Späße lachen. Es war in der Tat dasselbe Biotop aus Bier, Gaudi und Enthemmung, das die ersten Nazi-Horden in Stimmung brachte und dann aus den Bierkellern hinaus zum Marsch auf die Feldherrnhalle trieb.

Der Landesgeschichtler und Mentalitätshistoriker Heinz Gollwitzer schrieb dazu 1955 in seinem Aufsatz Bayern 1918–1933 in den Vierteljahresheften für Zeitgeschichte: "Zum Verständnis der Zusammenhänge Bayern–Nationalsozialismus muß auch auf den sehr erheblichen Anteil von Bayern, gerade von Altbayern, an der ersten und zweiten Garnitur der nationalsozialistischen Prominenz hingewiesen werden [...]. Es gibt geradezu einen Typus des Münchner Altparteigenossen. Wenn man schon mit so problematischen Begriffen wie Volkscharakter und Stammeseigenart arbeiten und nicht soziologisch zuverlässigere termini technici in Anwendung bringen will, wäre immerhin auf die altbayrische Neigung zu Gefühls- und Temperamentspolitik, zur ›Gaudi‹ auch im Politischen hinzuweisen, der der Kampfstil der NSDAP sehr entgegenkam."

Dazu passt, was der nationalsozialistische Pressefunktionär Adolf Dresler 1937 bemerkte: "Das Volksleben Münchens wird nicht vom Verstand, sondern vom Gemüt beherrscht, und so konnte München am besten den Nährboden für eine Bewegung abgeben, die sich in erster Linie an das Gemüt und an den Glauben wendet." Urteilskraft dagegen, so spottete schon der Romancier Lion Feuchtwanger in seinem scharfsichtigen München-Roman Erfolg von 1930, war hier eine eher zurückgebliebene Tugend.

Die Bierkeller wurden zur Bühne für Hitlers publikumswirksame Auftritte

Der amerikanische Historiker David Clay Large hat in seinem 1998 im Verlag C. H. Beck erschienenen Buch Hitlers München erstmals den in Bayerns Metropole verbreiteten ungewöhnlich hohen Alkoholkonsum als Faktor der politischen Radikalisierung benannt. Er hat eine Geschichte des Marsches auf die Feldherrnhalle am 9. November 1923 aus der Perspektive der Bierkrüge geschrieben, von denen in der chaotischen Saufnacht im Bürgerbräukeller zuvor sage und schreibe 143 zerschmettert worden sein sollen. Der "Marsch" am anderen Morgen entpuppte sich tatsächlich als ein selten erbärmlicher Zug alkoholisierter und/oder schon verkaterter Bierdimpfl und Zechbrüder, die sich eine Nacht lang gewaltig die Kante gegeben hatten. Hitlers Münchner Helfer waren zum großen Teil schwer angeschlagene, enthemmte und, heute würde man sagen: ziemlich durchgeknallte Saufnasen.

Bierkelleratmosphäre: Adolf Hitler während einer Rede im November 1930 in einem Bierkeller in München © Keystone/Getty Images

Nun könnte man einwenden, gesoffen wurde und wird überall in Deutschland – zumal in Krisenzeiten. Wo München den Unterschied macht: Nur hier gab es in hohem Maß eine so unheilvolle Verknüpfung von Suff und Politik. Ironisch gesprochen: Die Bierkeller wurden hier zur Agora. Sie gaben die Bühne für Hitlers publikumswirksame Auftritte ab, sie begründeten erst seine Popularität – schließlich auch in den großbürgerlichen Kreisen.

So erlebte Ernst "Putzi" Hanfstaengl Hitler im November 1922 im Kindlbräu und war fasziniert von ihm. Er öffnete dem "Kellerkind" aus Österreich die Türen in die bessere Münchner Gesellschaft, er machte ihn salonfähig und bekannt mit den einflussreichen Familien Bechstein und Bruckmann, mit den Wagnerianern und all den anderen, die ihm dann bald so unentbehrlich waren bei seinem Aufstieg zum "Führer".

In München gab es aber nicht nur den großen Bierdunst, der alles vernebelte, sondern auch eine ausgeprägte Großspurigkeit, die aus einer starken traditionellen Verwurzelung und einem vor-, ja antimodernen Identitätsempfinden heraus gedeihen konnte, jenes trotzig-provinzielle "Mia san mia". So ging es hier bei der Wahl der Waffen im politischen Schlagabtausch oft viel rücksichtsloser zu, als dies anderswo der Fall war. Noch 1992 meinte der damalige Ministerpräsident Max Streibl anlässlich eines umstrittenen Einsatzes der Polizei bei einer Demonstration, es sei eben bayerische Art, "etwas härter hinzulangen".

So war München zwar Teil der Gesellschaft des Deutschen Reichs und doch zugleich ein Biotop ganz eigener Art. Erst die spezielle "Münchner Mischung" liefert die wirklich einleuchtende Erklärung, warum gerade hier die Nazi-Partei wachsen und gedeihen konnte.

Dazu gehört auch die Verantwortung bayerischer Regierungspolitiker für das Desaster in den Jahren vor 1933, die – meist reaktionär gesinnt und demokratiefeindlich durch und durch – konsequent die Ahndung der frühen Nazi-Verbrechen verhinderten, ja mit den Nazis unverhohlen sympathisierten. Man kann auch sagen: Sie machten gemeinsame Sache mit ihnen. Die Nazis agierten in den zwanziger Jahren gerade hier so selbstbewusst, weil sie so viele "staatliche Verfassungsfeinde" als gleichgesinnte Verbündete an den entscheidenden bayerischen Regierungsstellen und in der hohen Beamtenschaft hatten. Dieser Komplex soll laut Konzept für das Dokumentationszentrum im Zusammenhang mit dem so milden, ja wohlwollenden Verhalten der bayerischen Justiz den Nazis gegenüber nach dem gescheiterten Hitler-Putsch 1923 Erwähnung finden, aber es bleibt zu bezweifeln, ob ihm wirklich der gebührende Raum geschenkt wird.

Und nach 1945? Es gab in München nicht viele Momente, in denen man sich demütig in Einsicht geübt hätte. Tatsächlich war Edmund Stoiber der erste bayerische Ministerpräsident, der 1995 die KZ-Gedenkstätte im nahe gelegenen Dachau besuchte. Vor allem Kreise der CSU boykottierten lange Zeit eine tief greifende Entnazifizierung. Bayerns erster Ministerpräsident nach dem Zweiten Weltkrieg, der CSU-Politiker Fritz Schäffer, wurde von der US-Militärregierung aus seinem Amt entlassen, weil er die Entnazifizierung des öffentlichen Dienstes nicht konsequent genug durchführen wollte. Walter Louis Dorn, einstiger Berater der US-Militärregierung im besetzten Deutschland, schrieb in seinem Buch Inspektionsreisen in der US-Zone: "Wenn die Zeitungsreporter nach Nazis, die noch an der Macht waren, suchten, fuhren sie für gewöhnlich von Frankfurt nach München."

Münchens Geschichte ist eine des Wohlwollens gegenüber den Nazis

Die Münchner NS-Geschichte, verstanden als ein Psychogramm einer Stadt, ist weit umfangreicher, als es das Konzept des geplanten Dokumentationszentrums vorsieht. Sie ist eine Geschichte des Wohlwollens gegenüber der Nazi-Bewegung vor 1933, aber eben auch nach 1945, als sich diese Geschichte fortsetzte: in der Verweigerung jeder Aufarbeitung, jeder Beschäftigung mit dem Unrecht. Nicht zuletzt in der Weigerung, dem Widerstandskämpfer Georg Elser die gebührende Ehre zu erweisen, dem es 1939 beinahe gelungen wäre, Hitler bei seiner traditionellen Rede im Bürgerbräukeller zu eliminieren. Es gibt in München, in Bayern bis heute große Kontinuitäten zur Nazi-Zeit – bezeichnenderweise jedoch keine moralische Selbstverpflichtung der staatlichen Nachfolgeämter, etwa des bayerischen Justiz- oder Innenministeriums, die eigene braune Vergangenheit aufzuarbeiten, so wie dies jetzt auf Bundesebene geschieht. Was in München fehlt, ist noch immer der mutige Blick in den Spiegel.

Die Münchner waren die Ersten, in deren Mitte die Nazis von ein paar versprengten Verwirrten zu einer bedrohlichen Bewegung anwachsen konnten. Und sie sind heute wiederum die Letzten, wenn es um eine wirkliche Verarbeitung der Nazi-Verbrechen auf dem Boden ihrer Stadt geht. Gerne gebraucht man für diese Unterlassung die stupide Formulierung, man tue sich schwer mit der eigenen Vergangenheit, eine Formulierung, die auch Eingang ins Feuilleton gefunden hat. Oder man verweist gleich auf vorbildliche Initiativen in der eigenen Erinnerungsarbeit.

Genau diese große Gefahr besteht nun wieder. Liest man das Konzept für das neue Zentrum, so scheint der Akzent erneut ganz auf der Ereignisgeschichte zu liegen. Zeiträume werden an Zeiträume gefügt, ohne dass man es einmal wagte, gleichsam in die seelischen Abgründe dieser schönen Stadt hinabzusteigen. Und vor allem, ohne den Münchnern selbst zu nahe treten zu wollen. Der Sinn dieses Zentrums kann es aber nur sein, dass München in der Auseinandersetzung mit diesem dunklen Kapitel nicht nur der nationalen, sondern der bayerischen und städtischen Geschichte endlich bei sich selber anfängt. Auch wenn es wehtut.