Was ist Ökumene, und was kann sie heute und morgen bedeuten? Die Antwort auf diese Frage lässt sich kurz und bündig so geben: Jesus hat nur eine einzige Kirche gewollt, und er hat am Abend vor seinem Sterben gebetet, dass alle eins seien, damit die Welt glaubt. Die Einheit aller Christen ist also Jesu verpflichtendes Testament; die Spaltung der Christenheit ist dagegen ein Widerspruch zum Willen Jesu und ein Skandal vor der Welt.

In allen Jahrhunderten hat es Mahnungen zur Einheit und Versuche zur Wiederherstellung der zerbrochenen Einheit gegeben. Zur ökumenischen Bewegung, wie wir sie heute verstehen, kam es jedoch erst im 20. Jahrhundert. Dieses Jahrhundert war ein dunkles: zwei menschenverachtende totalitäre Systeme, zwei Weltkriege mit vielen Millionen Toten, der staatlich geplante und ins Werk gesetzte Mord an den Juden, regionale Stellvertreterkriege, Verletzung grundlegender Menschenrechte, Hunger und Elend... In diesem Dunkel gab es einen Lichtblick: Die getrennten Christen, die sich in der Vergangenheit oft blutig bekämpft hatten, merkten, dass sie mehr Gemeinsames als Trennendes haben; sie entdeckten sich gegenseitig als Brüder und Schwestern in Jesus Christus. Sie wollten Werkzeug des Friedens in einer von Konflikten durchfurchten Welt sein.

Die ökumenische Bewegung war so etwas wie eine Gegenbewegung zu den blutigen Konflikten und die Antwort auf die Christenverfolgungen. Sie war, in weltlichen Kategorien ausgedrückt, die größte Friedensbewegung des letzten Jahrhunderts. Theologisch und mit den Worten des Zweiten Vatikanischen Konzils: eine Antwort auf die "Zeichen der Zeit" und ein Impuls des Heiligen Geistes.

Dadurch wird die ökumenische Bewegung vom interreligiösen Dialog mit den Nichtchristen unterschieden; sie hat einen nicht nur individuellen, sondern kirchlichen Charakter und eine universale, auf die Welt bezogene missionarische Dimension. Das Letztere ist umso wichtiger, als die Säkularisierung aller Lebensbereiche, wie wir sie gegenwärtig besonders in Europa erleben, durch die Spaltung unter den Christen mitverschuldet wurde.

Die Einheit war nie Selbstzweck; Jesus hat um die Einheit gebetet, damit die Welt glaubt. Und die ökumenische Bewegung ist beim Zweiten Vatikanischen Konzil nicht vom Himmel gefallen. Das Ökumenismusdekret steht nicht isoliert da, weil Ökumene eben kein Nebenanliegen, sondern ein Grundanliegen ist. Sie ist kein Traditionsbruch, sondern in einer aus der Tradition der alten Kirche erneuerten Ekklesiologie begründet. Deshalb blieb die ökumenische Öffnung des Konzils auch kein toter Buchstabe, sondern fiel auf fruchtbaren Boden: in den Pfarreien und kirchlichen Gemeinschaften, in den Diözesen, den Bischofskonferenzen und der universalen Kirche. Diese einmütige Rezeption muss als ein Zeichen des Wirkens des Heiligen Geistes verstanden werden. Dafür können wir nicht dankbar genug sein.

Schließlich ist die martyrologische Wurzel der Ökumene zu nennen. Märtyrer sind in besonderer und in radikaler Weise Zeugen des Glaubens. Darauf hat Papst Johannes Paul II. in seiner Ökumene-Enzyklika Ut Unum Sint (1995) nachdrücklich hingewiesen. Mir selbst ist vor allem die Seligsprechung der vier Lübecker Märtyrer am 25. Juni 2011 im Gedächtnis geblieben: drei katholische Kapläne und ein evangelischer Pastor, welche am 10. November 1943 innerhalb einer halben Stunde enthauptet wurden, sodass ihr Blut ineinanderfloss. Diese Geschichte erinnert unmittelbar an das Wort Tertullians: "Das Blut der Christen ist der Same neuer Christen." Die Ökumene der Märtyrer darf uns in der gegenwärtigen Situation, da die Christen weltweit die am meisten verfolgte Gruppe sind, neu Mut machen.

Ökumene entsprang also nicht, wie manche unterstellen, irgendwelchen aufgeklärten Ideologien. Ganz im Gegenteil, sie war und ist Antwort auf diese christentumsfeindlichen Ideologien. Sie hat ihren Sitz im Leben, in den oft schmerzhaft erlittenen Erfahrungen von Menschen, die in Not und Verfolgung ihre größere geistliche Einheit in dem einen Herrn Jesus Christus neu entdeckten.