Letztens war in dieser Zeitung vom "unvermeidlichen Abstieg" Amerikas zu lesen . Nun ist decline – Niedergang – ein altes amerikanisches Gespenst. Seit dem sowjetischen Sputnik, der 1957 die Nation schockte, taucht es alle zehn Jahre wieder auf. In den Fünfzigern war Moskau auf der Überholspur, lärmten die Kassandras. In den Sechzigern haben Vietnam, Rassenkampf und Jugendrevolte die Seele angekratzt. In der Siebzigern setzte es geopolitische Hiebe: Ölschock, Vietnam-Rückzug, Afghanistan-Invasion; dazu Watergate und zweistellige Inflation. In den Achtzigern schien Japan die Weltherrschaft zu erobern. Und nun: " The Chinese are coming! ", dahinter die Inder.

Bloß: Amerikas Pro-Kopf-Einkommen ist zehn Mal größer als Chinas und 25 Mal größer als Indiens. Die Fixierung auf Amerika verstellt den Blick auf das wahre Drama. Wer sich an die längerfristigen Trends hält, gewahrt mit Grausen, dass der Loser im Abstiegskampf Europa ist. In den letzten 40 Jahren ist der EU-Anteil am Weltwirtschaftsprodukt um zehn Punkte geschrumpft, derweil der amerikanische etwa gleich blieb – von 27 auf 26 Prozent. Japan hatte mal 13 Prozent, jetzt sind es neun – die Wirtschaft stagniert seit 20 Jahren. Der chinesische Anteil liegt bei einem Drittel des amerikanischen (alle Zahlen von 2011).

Der stete Niedergang Europas lässt sich auch am Wachstum festmachen. Im Dekaden-Durchschnitt sieht die Rate so aus:

Siebziger: 3,13 Prozent

Achtziger: 2,46 Prozent

Neunziger: 2,14 Prozent

Nuller Jahre: 1,38 Prozent

Im jüngsten Wert steckt der Crash 08, aber selbst wenn man den herausrechnet, zeigt der Trend nach unten. Derweil die US-Konjunktur das Tal der Tränen durchschritten hat, droht hier der Double-Dip, Minuswachstum Teil zwei. In Amerika fallen die Lohnstückkosten, steigt die "Reindustrialisierung", weil der rasante Lohnauftrieb in China das Outsourcing nicht mehr lohnt. In den USA werden allein die märchenhaften Öl- und Gasfunde von 2017 an für ein Prozent Zusatzwachstum pro Jahr sorgen.

Zeit zum Aufwachen! Europa hat die weltweit feinste Infrastruktur, die besten Arbeitskräfte, Erfindergeist und Tüfteltalent. Es ist aber müde geworden, wie die "langen Reihen" zeigen. Die Bevölkerung altert, aber nicht so schnell wie in China, wo eine Armee von Rentnern von 2015 an (Beginn des Arbeitskräfteschwunds) aufmarschiert. Vorläufig aber hat sich Europa nur eine Beruhigungspille verschrieben: den theoretisch unbegrenzten Geldsegen der EZB für die Krisenländer. Hand aufs Herz: Wer wird die schmerzhafte Reformarbeit daheim anpacken, wenn die Stütze von draußen munter fließt?

Der "Niedergang" Amerikas mag Balsam für die Seele sein. Nützlicher ist der Blick auf Japan, das ehemalige Wirtschaftswunderkind, dessen Siechtum mit dem "verlorenen Jahrzehnt" der Neunziger begann. Viele Gebrechen sind "made in Japan", manche aber übertragbar. Vor allem sind Europas Wachstumsprobleme älter als die Finanzkrise. Anderseits: Wenn Europa verarmt, dann langsam und auf hohem Niveau. Man merkt es nicht – wie der Frosch im Wassertopf, der auf kleiner Flamme steht.