Was ist eigentlich aus der orangenen Revolution geworden? Ein Jahr ist es her, dass Deutschland eine neue Partei wählte, wilder und moderner als alle anderen. Mit 8,9 Prozent zogen die Piraten in Berlin erstmals in ein Parlament ein. Sie waren Protestpartei für die Politikverdrossenen, Lobbypartei für die Generation Internet, Mitmachpartei für die Basisdemokraten und Antipartei für die Systemkritiker. Jeder konnte ungeniert seine Wunschvorstellungen in die Piraten hineinprojizieren, die mittlerweile in vier Landesparlamenten sitzen.

Doch nun, ein Jahr vor der Bundestagswahl, sinken die Umfragewerte der Piraten auf sechs Prozent. Viele Anhänger sind enttäuscht , weil die Partei oft mit Zankereien und selten mit Ideen auffällt. Die Piraten spielen die Flaute herunter, aber nun wird ihnen bewusst, dass der Wähler doch wählerisch ist. Bei der Bundestagswahl wird es um die große Politik gehen, um Euro-Krise, Rentensystem und Auslandseinsätze. Dann wollen die Wähler genau wissen, was sie für ihre Stimme bekommen. Und dann wirkt eine Partei, die auf die politischen Fragen mit "Keine Ahnung" antwortet, nicht mehr erfrischend ehrlich, sondern orientierungslos. Dann ist das Ziel, das System "upzudaten", zu vage für praktische Politik.

Die Piraten wissen, dass das Ergebnis der Bundestagswahl darüber entscheidet, ob sie Episode oder Epoche sind. In den kommenden Monaten werden sie daher zeigen müssen, was eigentlich drin ist, wo "Piraten" draufsteht.

Köpfe zeigen statt enthaupten

Spätestens wenn der Bundestagswahlkampf beginnt, werden die Piraten ihrer Partei ein Gesicht geben müssen. Es werden einzelne Personen sein, die als Bundestagskandidaten in der Öffentlichkeit stehen. Allerdings kann die Piratenpartei Persönlichkeiten nur schwer ertragen. Der Einzelne ist bei ihnen nichts, der Schwarm alles. Deshalb sind die Piraten eine misstrauische Partei. Und dieses Misstrauen führt zu einem Missverständnis: Gleichberechtigte Teilhabe wird mit Gleichmacherei verwechselt, flache Hierarchien werden mit Persönlichkeitsvernichtung gleichgesetzt.

"Dann stell ich mich wohl mal geschmeidig in den Shitstorm", sagte Christopher Lauer, obwohl er an diesem Dienstagvormittag kein bisschen geschmeidig wirkte. Immer wieder schaute er nervös auf sein Handy, ein zusammenhängendes Gespräch mit ihm war nicht möglich. Der Fraktionschef der Piraten im Berliner Abgeordnetenhaus hatte etwas Unerhörtes getan: Er hatte einen Gesetzentwurf zum Urheberrecht veröffentlicht, ohne ihn vorher mit seiner Fraktion, geschweige denn mit der Basis abgestimmt zu haben.

Nur knapp eine Stunde später konnte man in Echtzeit verfolgen, wie sich über Lauer ein Unwetter zusammenbraute. Das Beschimpfen via Twitter ist eine Form von Meinungsäußerung, die die Piraten in die politische Debattenkultur eingeführt haben. Eingesetzt wird sie vor allem gegen Leute aus den eigenen Reihen, die nicht schwarmkompatibel sind. Gegen Leute wie Lauer.

Ein Problem der Piraten besteht darin, eine Partei zu sein, aber nicht wie eine Partei agieren zu wollen. Einerseits wählt die Basis auf Bundes- und Landesebene Vorstände, andererseits verhindert sie, dass die Gewählten ihre Ämter auch ausfüllen. "Unsere Mitglieder verhalten sich so, als seien die Vorstände von einer fremden Macht geschickt und nicht von ihnen selbst gewählt worden", sagt ein Pirat aus der Parteispitze, der lieber anonym bleiben möchte, weil er sich den Shitstorm ersparen möchte. Offenbar traut die Piratenbasis sich selbst nicht, weder ihren Personalentscheidungen noch ihren Mitbestimmungsinstrumenten.

Das zwingt ausgerechnet das Führungspersonal einer politischen Partei, sich unpolitisch zu geben – wie das Beispiel Marina Weisband zeigt, der wohl beliebtesten Piratin der Republik. Als sie Bundesgeschäftsführerin der Partei war, erklärte sie, in ihrem Amt könne sie keine Politik machen. Sie hat es so beschrieben: Die Piratenvorstände sollen verwalten, und dafür müssen sie ihre eigene Meinung zurückhalten. Doch wenn Führungsmitglieder nicht die gleichen Rechte wie Basismitglieder wahrnehmen können, ist das eine Perversion der basisdemokratischen Idee.

Das Resultat sind Aktionen, wie die von Christopher Lauer . Im Namen der Fraktion einen Gesetzentwurf zum Urheberrecht öffentlich zu machen, ohne diese über den Inhalt informiert zu haben, das kann man undemokratisch nennen. Oder Notwehr. Lauer hat es nicht mehr ausgehalten, als Fraktionsvorsitzender öffentlich nach der Haltung der Piraten zum Urheberrecht gefragt zu werden und monatelang nichts Konkretes antworten zu können, weil die Basis unterschiedliche Ansichten vertritt, der Bundesvorstand zwar runde Tische abhält, aber an den Ergebnissen immer noch arbeitet.