Jana Wohlfahrt steht zwischen Riesenschildkröten und hat viel zu tun. Sie hat den Tieren ihren Morgensalat serviert, die Steine am Badeteich geschrubbt, Kötel aufgesammelt. Jetzt duscht sie Esmeralda mit einem Schlauch den Panzer ab. »Ich finde diese Tiere faszinierend. Es gab sie schon vor Millionen von Jahren, und sie haben bis heute überlebt«, sagt die Pflegerin und krault Esmeralda den Hals.

Verwandte dieser Schildkröten krochen einst Charles Darwin bei seiner Galápagos-Reise entgegen. Nun begrüßen Esmeralda und ihre Artgenossen jene, die den Spuren des Forschers folgen möchten: im Darwineum , das Anfang September im Rostocker Zoo eröffnet hat.

In mehreren Sälen zeigt die Ausstellung, wie aus winzigen Einzellern die bunte Vielfalt von heute entstand, und erläutert Darwins Evolutionstheorie: dass sich die Arten wandeln und derjenige überlebt, der am besten an die Umgebung angepasst ist. »Wir erklären das alles aber nicht nur wie ein Museum«, sagt der Kurator Frank Fuchs stolz. »Wir präsentieren auch die passenden Tiere dazu.« Zehn Jahre lang hätten sie geplant, 29 Millionen Euro Baukosten aufgebracht, sich mit Biologen beraten: Was ist das wichtigste Thema jeder Evolutionsära? Welche Tiere können es verdeutlichen?

Der Raum »Ozean der Wundertiere« zum Beispiel widmet sich dem Kambrium vor etwa 500 Millionen Jahren. Tafeln erklären, dass in jener Epoche die Zahl der Arten explodierte. In Unterwassergärten gediehen Wesen wie der Anomalocaris, der aussah wie eine Ein-Meter-Garnele mit kräftigen Zangen. Ein Griff, und die Beute war zermalmt. Doch Kraft allein reichte nicht, um zu überleben. Das wirbellose Tier starb aus und ist in Rostock nur als Modell zu sehen. Ein anderes Wesen jener Zeit hatte mehr Glück, seine Nachfahren schweben in einem Salzwasserbecken: Quallen. Zarte Geschöpfe, Grazien der Unterwasserwelt, die aber über allerlei Survivaltechniken verfügen: Mangelt es ihnen etwa an Nahrung, können sie notfalls Teile ihres eigenen Körpers verdauen.

Ein paar Räume weiter drängeln sich Kinder vor flauschigem Getier – den Antilopenzieseln. Gestern, erzählt Fuchs, seien die faustgroßen Hörnchen den Pflegern entwischt und hätten sich in der Pflanzendeko versteckt. Heute flitzen sie durchs Gehege und tun ihren Job: Niedlich aussehen und einen Evolutionsschritt verdeutlichen – den Aufstieg der Säugetiere. Unscheinbar war diese Tierklasse einst, verhuscht wie die Ziesel, und doch breitete sie sich aus. Nicht zuletzt dank Muttermilch. Der Vorteil des Zaubertranks: Die Jungen werden immer satt und bekommen reichlich Proteine, selbst wenn die Eltern mal Pech bei der Jagd hatten.

Die Begleittafeln, die solche Informationen vermitteln, sind leicht verständlich geschrieben – das Darwineum wendet sich auch an Besucher, die nie ein Biologiebuch kaufen würden. Etliche Exponate sind interaktiv: Auf Bildschirmen kann man sein Gesicht in das eines Urmenschen verwandeln lassen und sieht, dass auch der Mensch Teil der Evolutionskette ist.

Im zweiten Teil der Ausstellung führt eine Brücke in eine Tropenhalle, in der sich Menschenaffen inmitten von Wiesen und Bäumen tummeln. Auf Tafeln kann der Besucher Affen- und Menschenskelett miteinander vergleichen. Er erfährt, dass Gorillas zwar auf zwei Beinen laufen können, aber dennoch lieber auf allen vieren unterwegs sind. Weil sie die Knie nicht durchdrücken können und ihr Becken anders beschaffen ist als das menschliche.

Die Schreie der Affen hallen durch den Raum. Und bisweilen steht man sich, nur von einer Scheibe getrennt, plötzlich gegenüber: Der Affe beobachtet den Menschen, der Mensch den Affen.

Der Anblick mache nachdenklich, sagt Felix Padel , Anthropologe an der Universität Oxford und als Darwins Ururenkel zur Eröffnung geladen. Gorillas seien viel kräftiger als wir; und dennoch brauchten sie heute unseren Schutz, weil ihre Lebensräume verschwänden. »Die Starken von einst sind die Schwachen von morgen.« Das Darwineum zeige auch, dass Evolution eben nicht immer vorhersehbar ist.