Armes Gazprom . Erst bedrängen es EU-Beamte, Gaskäufer, russische Bürokraten und selbst Russlands Präsident Wladimir Putin – und dann kommen auch noch die Eisbären. Vier von ihnen aalten sich kürzlich im herbeigekarrten Schnee vor dem trutzigen Turm der Gazprom-Hauptverwaltung in Moskau und versperrten die Einfahrt. Aktivisten von Greenpeace hatten sich die Eisbärkostüme übergezogen, um gegen Gazproms erste Bohrplattform im arktischen Feld Priraslomnaja zu protestieren. "Gazprom tötet die Arktis", stand auf einem Plakat, und der Name des Vorstandsvorsitzenden Alexej Miller reimte sich in den Losungen der Umweltschützer auf "Killer".

Die falschen Bären kann der Staatsgigant Gazprom noch abschütteln. Umweltschutz ist kein großes Thema in Russland . Aber andere, schwer lösbare Probleme häufen sich. Gazprom hat schon fröhlichere Zeiten gesehen.

Im Juni 2008, als die Ölpreise in die Höhe schossen und die Welt in ewigen Energiehunger zu verfallen schien, gab sich Miller noch triumphierend: Der Konzern werde binnen sieben Jahren zum größten Unternehmen der Welt aufsteigen und seinen Börsenwert auf eine Billion Dollar verdreifachen. In Umfragen gab damals jeder dritte Russe als Berufstraum einen Arbeitsplatz bei Gazprom an. Im Höhenrausch schlugen Abgeordnete aus dem Altai-Gebiet sogar vor, einen 3412 Meter hohen Berg im Kurai-Gebirge Gazprom zu nennen. Doch seither geht es langsam bergab. Der Börsenwert ist auf 120 Milliarden Dollar gesunken. Die Internationale Energieagentur (IEA) sagt voraus, dass Gazprom im Verlauf der nächsten gut zehn Jahre den Status des Weltführers auf dem Gasmarkt verlieren könnte. Die Front der Kritiker formiert sich breiter als je zuvor. Der Riese leidet.

Gasverkäufer sind nicht mehr nur auf Pipelines angewiesen

Gazprom krankt nicht nur an der eigenen Überheblichkeit. Es wurde auch Opfer des technischen Fortschritts. Früher gab es zwei Hauptprobleme: Wo liegt Gas in der Erde, und wie kommt es zum Kunden? Große Lagerstätten konnten nur wenige Staaten aufweisen, neben Russland waren das der Iran und Katar. Der Transport war an Pipelines gebunden und kostspielig. Einen regulären Weltmarkt gab es nicht. Russland konnte rigide Langzeitverträge durchsetzen, mit einer Abnahmeverpflichtung für die Kunden und mit Preisen, die fest an den Ölpreis gebunden waren. Das waren für Gazprom die guten alten Zeiten.

Verbesserte Technologien bei der Gasverflüssigung und beim Abbau von Schiefergas drohen der Dominanz ein Ende zu setzen. Gas auf minus 162 Grad abzukühlen und in Schiffen oder Eisenbahnwaggons zu transportieren ist im Preis oft konkurrenzfähig geworden. Damit sind Gasverkäufer nicht mehr nur auf Pipelines angewiesen und können ihre Ware flexibler auf dem Spot-Markt anbieten. Diese Gasbörsen erleben einen Aufschwung – dank Flüssiggas und dank Schiefergas.

Die Förderung von Schiefergas, das zuvor unerreichbar in Gesteinsschichten unter der Erde lagerte, erlebt vor allem in den Vereinigten Staaten einen ungeahnten Boom. Tiefbohrungen und das Einpressen eines Gemischs aus Wasser, Sand und Chemikalien befreien dieses sogenannte unkonventionelle Gas aus dem Gestein. Vorkommen finden sich in vielen Ländern der Welt. In den USA kostet der flüchtige Rohstoff mittlerweile weniger als in Russland, und möglicherweise werden die Amerikaner sogar bald Gas exportieren. Das überschüssige Gas von der Arabischen Halbinsel oder aus Afrika, das einst auch das energiehungrige Nordamerika beliefern sollte, drängt nun als Flüssiggas vor allem auf den Spot-Markt Europas. Zuweilen kostet es nur die Hälfte des russischen Gases.

Zwar stößt die Schiefergas-Revolution wegen möglicher Umweltprobleme an ihre Grenzen. Überdies haben Probebohrungen etwa in Polen gegenüber ersten Schätzungen enttäuschend wenig Gas zutage gefördert. Aber die Grundtendenz auf dem Weltmarkt bleibt: Künftig gibt es mehr und billigeres Gas. Die Unternehmensberatung A.T. Kearney sagt in einer Studie einen Rückgang des Gaspreises um bis zu 60 Prozent bis 2015 voraus. Dann werde der Handelspreis auf dem Spot-Markt endgültig wichtiger als der "Pipeline-Preis" der traditionellen Anbieter, meinen die Berater.

Gazprom, das lange Zeit auf weltweit sinkende Gasreserven und steigende Preise setzte, stünde in diesem Fall da wie ein Dinosaurier. Schon heute wettern europäische Gaskäufer gegen die Preispolitik des russischen Giganten, der nach wie vor auf langfristige Verträge und eine Bindung des Gaspreises an den Ölpreis setzt. E.on hatte damit bereits Erfolg; Anfang Juli einigte sich das Unternehmen mit Gazprom auf sehr viel niedrigere Tarife für russisches Gas . Manche Experten halten das noch nicht für das letzte Wort. "Die letzten Preisnachlässe von Gazprom waren zu gering und kamen zu spät", urteilt etwa Michail Kortschemkin, Direktor der Beratungsfirma East European Gas Analysis. "Gazprom wird schwächer, weil es mit der veränderten Wirklichkeit nicht mithalten kann."