ZEITmagazin: Frau Hobmeier, es heißt, wenn Sie spielen, würden Sie radikal sündigen und radikal entsagen. War diese Radikalität immer schon Teil Ihres Lebens?

Brigitte Hobmeier: Ein wahnsinniger Schritt war für mich, dass ich auf das Gymnasium gehen durfte. Was das für mich bedeutet hat, kann kaum einer nachvollziehen! Das war ein unbeschreiblicher Kampf. Ich habe wie ums Überleben gekämpft, dass ich nicht auf die Hauptschule muss; dass ich zeigen kann, dass mehr in mir drinnen ist.

ZEITmagazin: Aber radikal wird man nicht von heute auf morgen, das trägt man in sich.

Hobmeier: Ich bin in Ismaning aufgewachsen, aber meine Familie kommt aus Niederbayern. Das hat mich von klein auf geprägt. Ich bin ja auch hoch katholisch erzogen worden. Mir ist immer schon das Paradoxe im Verhalten der Leute aufgefallen. Wie fromm sie in der Kirche sind und wie sie sich das Maul zerreißen, sobald sie einen Fuß aus der Kirche raussetzen. Jesus Maria, ist das eine harte Gegend und manchmal schon roh und bös.

ZEITmagazin: Aber da sind so viele andere Kinder, die akzeptieren einfach das Leben, wie es dort ist. Und dann ist ein Kind wie Sie dazwischen, das spürt alles anders, das sieht die Grausamkeit, die Brutalität, das Harte.

Hobmeier: Ich glaube, es war mein Blick, der mich wütend machte und dann radikalisierte. Als Teenager bin ich mit Doc Martens in die Kirche gegangen, diese Stahlkappenschuhe, die damals modern waren. Mein Vater kam vom Frühschoppen heim und hat erzählt, dass das ganze Wirtshaus über meine Schuhe gesprochen hat. Ich dachte mir: Habt ihr nichts Besseres zu tun? Jetzt ziehe ich die extra an und laufe durchs ganze Dorf und gehe noch mal um die Kirche rum! Aber ich selbst würde mich nie als radikal bezeichnen. Wenn ich mir treu bleiben will, dann muss ich das immer still und heimlich machen und den inneren Weg so weit gehen, dass mich keiner mehr zurückholen kann. Das war auch mit der Schauspielschule so. Ich bin zum Vorsprechen nach Essen gefahren und habe meinen Eltern nichts davon gesagt, um nicht vorab schon Streit zu haben. Für mich hört sich das jetzt nicht unbedingt radikal an, eher feige.

ZEITmagazin: Eine gewisse Radikalität hat das schon.

Hobmeier: Mein Mann sagt auch immer: »Bei dir denkt man, du gehst bis zur letzten Konsequenz.« Leicht mache ich es mir bestimmt nicht und den anderen auch nicht. In Fassbinders Stück Die Ehe der Maria Braun sagt der Arzt zu Maria Braun: »Leicht hättest du es eh nicht gehabt mit einem schwarzen Kind.« Maria Braun antwortet: »Ich habe nie gesagt, dass ich es leicht haben will.« Dieser Satz ist mir beim Spielen so einfach von den Lippen gekommen. Für mich hat Leichtigkeit mit Aufgeben und Kompromiss zu tun. Aber in meinem Weg ist das Schwere bisher immer das Richtigere gewesen. Ich bin auch mit der Faust voran aus meiner Mama rausgekommen. Lustigerweise mein Sohn auch aus mir. Die Hebamme hat gesagt, das gibt es doch nicht, der streckt die Faust raus.

ZEITmagazin: Fühlen Sie sich anders als die anderen?

Hobmeier: Ich war die Träumerin, die sich in einer Fantasiewelt aufgehalten hat. Oft habe ich unter der Wäschemangel meiner Mama gesessen und mir da unten in der Hitze die Welt erträumt.

ZEITmagazin: Sie sind rothaarig, dadurch waren Sie auch anders...

Hobmeier: ...aber das war nichts Positives. Ich bin in meiner ganzen Kindheit und Jugend gehänselt worden. In Bayern gibt es so Sprüche wie »Lieber eine Tote als eine Rote« oder »Da kommt die Duracell«. Lauter solche Bosheiten musste ich aushalten. Einmal, ich war noch im Kindergarten, habe ich mir eine uralte Schere genommen und mir unter der Wäschemangel die Haare abgeschnitten. Also wirklich bis zur Haut hin abgeschnitten. Ich sah furchtbar aus. Ich spürte, dass die roten Haare nichts Schönes, nichts Gutes waren. Wenn mir heute jemand ein Kompliment zu meinen Haaren macht, sage ich, danke, aber dafür kann ich ja nichts. So wie ich auch als Kind bei der Gängelei gedacht habe, aber ich kann doch nichts dafür, dass die roten Haare da sind.