Auf einem Berg leben ein paar Kinder, abgeschieden in einem Kurhotel. Sie reden viel von den Erwachsenen, aber sie bekommen sie nie zu Gesicht. Sie sehen weder den Doktor noch ihre Eltern. Tagsüber verordnet der Doktor ihnen Liege- und Sonnenkuren, nachts gibt es mit seinem Segen Kuchenorgien. Die Kinder glauben fest an ihre Eltern und deren Liebe. Selbst wenn auch für sie kaum zu übersehen ist, dass sie hier elegant entsorgt wurden.

Das Berg-Sanatorium entstammt der Moderne des letzten Jahrhunderts: Sartres geschlossene Gesellschaften, Manns Zauberberg, Thomas Bernhards Feste mit Behinderten, Becketts Ausweglosigkeiten – all das existiert hier weiter.

Gleichzeitig ist das Sanatorium ein Alptraum der Gegenwart: Die Kinder darin sind kugelrund und wollen abnehmen, aber sie werden nicht dünner. Sie wollen Fortschritte machen, haben aber keine Ahnung, wie das gehen könnte. Es sind Existenzen von erbärmlicher Gutwilligkeit. Sie versuchen, sich gegenseitig zu lieben, aber auch darin sind sie nicht gut. Haben sie überhaupt etwas gelernt?

Seymour oder ich bin nur aus Versehen hier heißt dieses Theaterstück der jungen Dramatikerin Anne Lepper. Ihre Kinder künden von der grimmigen Lust, uns einen Zerrspiegel vorzuhalten, und von der zarten Empathie für diese Kümmerexistenzen. Lepper ist die hohnlachende und mitfühlende Dramatikerin einer ausgelaugten Zeit – das größte Dialogtalent seit Werner Schwab. Völlig zu Recht ist sie jetzt von der Kritikerjury des Fachblattes Theater heute zur Nachwuchsdramatikerin des Jahres gewählt worden.

Lepper schreibt anspielungsreich, aber alles andere als geschwätzig. Die Dialoge sind knapp, und die Figuren wissen nicht, dass sie mit Zitaten um sich werfen. Subtext drängt aus ihrem Mund, als müsste er sich durch die Kinder einen Weg nach draußen suchen. Sie sind die Sprecher der Kultur, die sie gemacht hat, und alles, was sie sagen, kommt woanders her. Bei Seymour reicht der Zitatenschatz von Struwwelpeter bis Slavoj Žižek, von Ernst Jünger bis zu Spielbergs E.T.

Im Gespräch mit der Öffentlichkeit sagt Lepper wenig. Wenn sie doch etwas sagt, bevorzugt sie den Einwortsatz. Wenn die Sätze dann mal länger werden, sollen sie Missverständnisse ausräumen. Als wollte sie um keinen Preis in eine Schublade gesteckt werden. So sitzt sie neben einem und hat etwas Lauerndes, sie trägt eine schwarze Brille und einen Kapuzenpulli. Während man ihr um ihre Denkecken zu folgen versucht, wirkt sie wie ein Mensch, der zu keiner Generation und keiner Szene gehören will.

In Wuppertal, Köln und Bonn hat Lepper Philosophie, Geschichte und Literatur studiert. Dann hat sie drei Jahre literarisches Schreiben drangehängt. Jetzt lebt Lepper wieder in Wuppertal und will da nicht weg. Warum sollte denn woanders, etwa in Berlin, mehr Leben sein? Da oben, auf diesem Berg über der Stadt, hatte sie schon auf dem Weg zu dem Wuppertaler Café gesagt, in dem wir jetzt beieinander sitzen, könne sie sich vorstellen, dass ihr Altersheim stehe.

So eine Schriftstellerin hat es lange nicht gegeben. So störrisch, so eigenwillig, so talentiert. Sie hänge eigentlich nur rum, sagt sie. Sie lese kaum mehr. Soll man das glauben? Sagt sie Dinge, die man als Reporter hören will? Oder Dinge, von denen sie denkt, dass die Medien sie nicht hören wollen? Später, nach zwei Stunden, meint sie: »Das wird ja jetzt ein richtiges Gespräch. Das möchte ich nicht.« Das glaubt man ihr gern. Und sie hat ja auch recht: Warum sollte sie sich für die Öffentlichkeit entblößen? Am Ende sagt sie: »Aber Sie schreiben ja ohnehin, was Sie wollen.«

Leppers erstes Drama heißt Sonst alles ist drinnen . Eine Frau, Anne, wurde von ihrem Vater geschwängert, hat ein Kind von ihm, lebt zurückgezogen mit ihm und liebt ihn vielleicht. Von ihrer Freundin wird Anne beneidet: Sie sieht in diesem häuslichen Leben trotz allem das Idyll. Ein typisches Lepper-Motiv. Was wissen wir schon vom Glück in der Inzucht-Familie? Warum soll es in der Hölle nicht auch Glück geben?

Auch ihr zweites Stück, Käthe Hermann , handelt von einer Kleinfamilie: Da ist die Mutter, nach der der Text heißt, da ist die aufmüpfige Tochter Irmi, und da ist der gelähmte Sohn Martin. »Wenn ihr nicht bald mal aufhört zu lügen lehn ich mich auf dann könnt ihr mal sehen wie ein mensch ist der sich auflehnt«, sagt Irmi.

Die drei Hermanns leben ein bescheidenes Leben, sie hängen aneinander, und sie demütigen sich. Sie neiden sich gegenseitig das Talent, das sie wahrscheinlich nicht besitzen, und die Liebe, die sie nicht bekommen. »eine vergewaltigung ... mehr liebe gibts für manche menschen nicht«, sagt Käthe zu Irmi und meint damit durchaus die eigene Tochter. Sie erzählen sich Geschichten, von denen niemand weiß, ob sie einen wahren Kern haben. So spricht Käthe von Hans, der sie geschwängert hat, Irmi von ihrem Kind, das irgendwann kommen wird, und Martin von Rocco, der er sein möchte. Die Familie: lauter Märchen.

Dass es ohne Wünsche, Träume, Illusionen nicht geht, auch wenn man weiß, dass sie nie wahr werden, das ist Leppers Thema. Die Familie Hermann träumt davon, ein Teil der Gesellschaft zu sein, aber alles, was sie von der Gesellschaft kennt, ist das, was im Fernsehen kommt. Einmal, in unserem Gespräch, das doch kein richtiges Gespräch sein soll, spricht Lepper von Wünschen und Filmen. Wünsche, glaubt sie, kommen direkt aus Filmen. Der Mensch, glaubt sie, kann gar nicht anders, als dem Glamour und Hollywood zu verfallen – der Bewusstseinsindustrie ist nicht zu entkommen. Offenbar funktioniert diese Industrie genau so, wie die Familie Hermann funktioniert.

Wer da aussteigen will, für den endet es tödlich. Am Ende hat Irmi, die Tochter, sich nicht aufgelehnt, sondern aufgehängt. Auch das bringt die Mutter nicht aus der Fassung. Vielmehr sieht Käthe sofort die Chance für sich selbst: Sie träumt davon, dass sich jetzt die gesamte Menschheit für sie, die Trauernde, interessieren wird. Sie sieht sich als die Größte aller Trauernden, als nationales Trauervorbild. Selbst die Kanzlerin wird unter den Trauergästen sein und Käthe voll Bewunderung anblicken.

Beschränkte Existenzen gab es im Theater schon viele. Die, über die Lepper schreibt, unterscheiden sich von den Vorgängern durch die Heftigkeit und Aussichtslosigkeit ihres Glücksverlangens. Je hoffnungsloser der Fall, desto maßloser melden sich die Wünsche. »Desire is a wound of reality«, heißt es bei Slavoj Žižek. In Anne Leppers Stück Seymour taucht der Satz wieder auf.