Theater bietet immer zwei Möglichkeiten: Man kann nach einem amüsanten und unterhaltsamen Abend kalt und unverändert hinaus in die Realität treten. Manchmal jedoch bekommt man es mit Theater zu tun, das einen zwingt, teilzunehmen. Nicht plumpes Mitmachtheater ist damit gemeint. Sondern eines, das dem Zuseher ein Mit-Fühlen abverlangt, ein Weiter-Denken.

Kaum jemand fordert dies von seinem Publikum so konsequent wie Regisseurin Claudia Bosse. 1969 in Niedersachsen geboren, studierte sie Regie an der Schauspielschule Ernst Busch in Berlin. 1996 gründete sie mit anderen das Theatercombinat, dessen Sitz sich mittlerweile in Wien befindet. Gemeinsam mit Schauspielern, Performern und Tänzern hat sich Bosse als Leiterin des Theatercombinats im Laufe der Jahre Autoren wie Heiner Müller oder Elfriede Jelinek vorgenommen, aber auch klassische Tragödien wie jene von Shakespeare und Aischylos. Zuletzt waren die beiden Stücke Vampires of the 21st Century und Dominant Powers zu sehen – beide versehen mit dem Zusatz "was also tun?" und so als Teile der Serie Politische Hybride gekennzeichnet.

Es ist so etwas wie Bosses Markenzeichen, klassische Theaterräume zu meiden; und die Politischen Hybride machen da keine Ausnahmen: Spielorte waren etwa das Wiener Kartographische Institut beziehungsweise ein 730 Quadratmeter umfassendes, weit verzweigtes Stockwerk einer ehemaligen Druckerei. Zweck dieser Übung: Alltägliches, das man in- und auswendig zu kennen glaubt, neu und bewusst anders wahrzunehmen. In den Vampires of the 21st Century wurden die geistigen Untoten unserer Gesellschaft, von Ovid über Bram Stoker bis zu Ulrike Meinhof, mittels Soundinstallationen und vermittelt durch die Darsteller aufeinander und die Zuschauer losgelassen. Waren es hier die geistesgeschichtlichen Bedingungen des menschlichen Daseins, nahm sich Bosse in Dominant Powers konkrete (politische) Geschichte vor, genauer deren mediale Vermittlung. Neben Interviews mit Menschen aus dem Arabischen Frühling, aus Kairo und Alexandria, wurde der Zuschauer per Nachrichtenvideos wieder und wieder mit dem toten Gaddafi konfrontiert. Die Performer deklamierten dazu in verfremdendem Stakkato Texte wie den Ödipus, politische Theorie von Butler und Marx, die Aufführung oszillierte irgendwo zwischen Spiel und Autobiografie. Die wichtigste Frage der Politischen Hybride war: Wie verhält sich der Zuschauer zu diesen Raum- und Soundinstallationen, zu dem Überangebot an Wort- und Gedankenfetzen, an Ereignissen und Möglichkeiten?

Letztlich ist dies das große Thema von Claudia Bosses Arbeiten: Wie handelt der Mensch inmitten des Netzes an Bedingtheiten, an vermeintlichen Gewissheiten und Zuschreibungen, das ihn umgibt? Ist es ihm überhaupt möglich, sich frei zu bewegen? Bosse will mit ihren überbordenden Installationen einen "Handlungsraum" eröffnen. "Man hat darin die Chance, Dinge auseinanderzunehmen, die in der Alltagswahrnehmung unseres Lebens zu verhärteten Oberflächen zusammengewachsen sind. Im Theater kann man mittels Ausschnitten und Begrenzungen so etwas wie Tiefenbohrungen vornehmen." Das vermeintlich unhintergehbare große Ganze unserer Lebenswelt wird hier in kleine Stücke zerteilt, die sich wie unter einem Vergrößerungsglas neu (und im besten Falle unvoreingenommen) betrachten lassen.

Politisch ist das, weil die einzelnen Teile sich plötzlich als verhandelbar, mehr noch als veränderbar zu erkennen geben. Claudia Bosse will "jene Dinge sichtbar, hörbar, wahrnehmbar machen, die unter der alltagsverkrusteten Oberfläche gar nicht mehr befragbar sind". Dem Zuschauer verlangt das maximale Selbstverantwortung ab. Alleine sieht er sich in oft weit verzweigten Installationen den Texten, Bildern und Performern gegenübergestellt. Er selbst hat zu entscheiden, wohin er geht, wem er zuhört, was er glaubt. Womit er letztlich konfrontiert ist, das sind die vier ganz großen, die Kantschen Fragen: Was kann ich wissen? Was soll ich tun? Was darf ich hoffen? Was ist der Mensch?