Die beiden häufigsten Sätze in meinem Leben sind: Das hätte ich mir nie träumen lassen. Und: Davon habe ich schon immer geträumt. Als ich 16 Jahre alt war, schrieb ich dem Pianisten Oscar Peterson einen Brief. Ich fand ihn vor einigen Jahren in einer Schublade. Ich habe ihn nie abgeschickt, meine Mutter bewahrte ihn auf. Er kam aus tiefstem Herzen. Ein Ausdruck jugendlicher Unschuld. Ich schrieb Oscar Peterson Dinge wie: "Letzte Woche habe ich Ihr Konzert mit Ella Fitzgerald gesehen. Meine Mutter hat mir extra ein blaues Jackett genäht für den Abend. Ich spiele Piano in einer Highschool-Jazzband, mein Freund ist Schlagzeuger. Sie sind mein Lieblingspianist. Ich muss mehr üben, mein Anschlag ist nicht gut genug. Ich komme nicht weiter mit meinem Spiel, ich weiß nicht, was ich tun soll. Bitte erzählen Sie niemandem von diesem Brief."

Mit dem Klavierunterricht habe ich angefangen, als ich vier Jahre alt war. Zu meinen ersten Erinnerungen überhaupt gehört mein Versuch, Hey Jude zu klimpern. Unser Haus war voller Musik, mein Vater spielte Klavier, meine Mutter sang. Sie sagte: "Vergiss nicht, dass du spielst. Es heißt nicht umsonst: spielen."

Ich hörte die Platten von großartigen Pianisten wie Monty Alexander und Nat King Cole. Aber Oscar Peterson war für mich immer der wichtigste Pianist von allen. Ich wollte unbedingt spielen können wie er. Dabei wusste ich eigentlich schon, dass ich dieses Ziel nie erreichen würde. Bis heute lege ich häufig das Album des Oscar Peterson Trios Live At The London House auf und höre es mit Kopfhörern. Ich spiele dazu auf dem Klavier mit. Einfach nur, weil es sich großartig anfühlt. Einfach mitspielen. Nicht versuchen, es zu kopieren.

Als Teenager lag ich oft mit einem Albumcover in der Hand auf dem Fußboden und hörte seine Musik. Ich träumte davon, meine Heimatstadt, Nanaimo auf Vancouver Island, zu verlassen und in eine größere Stadt zu ziehen. Ich wollte Leute sehen, die ich bewundern und von denen ich lernen konnte. Ich wollte hinaus in die Welt. Aber in meinen kühnsten Träumen hätte ich mir nie ausgemalt, dass ich tatsächlich einmal mit Oscar Peterson spielen würde. Oder mit Ray Brown, dem Bassisten seines Trios. Doch eines Tages spazierte Ray einfach zur Tür herein. Ich war 16 und spielte Klavier in einem Restaurant. Ich war einfach Teil des Mobiliars. Deshalb dachte ich mir auch nichts dabei, im Rhythmus mit dem Fuß zu stampfen. Ray kam mit ein paar Leuten zum Essen. Er sagte: "Ich kenne dieses Mädchen nicht, aber sie hat einen Wahnsinnsfuß." Wir kamen ins Gespräch, und bald darauf lernte ich über ihn auch Oscar Peterson kennen. Der Freundschaft mit Ray und Oscar habe ich zu verdanken, dass ich heute die bin, die ich bin.

Alle bisherigen Träume zum Nachlesen

Es klingt abgedroschen, aber für mich war es tatsächlich so: Wenn du etwas wirklich liebst und es wirklich willst, dann geht es in Erfüllung. Bisher sind alle meine Träume wahr geworden, abgesehen von dem einen: mal als Astronautin ins All zu fliegen. Mein derzeit größter Traum ist es, mit Woody Allen zu arbeiten. Ich weiß auch schon einen Drehort für ihn: Berlin .

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