Es ist einer der erstaunlichsten Machtkämpfe, die die Republik seit Langem erlebt hat. Die Kanzlerin, die im Laufe der Jahre verlernt hat, wie es sich anfühlt, auf harten Widerstand aus den eigenen Reihen zu treffen, hat es plötzlich mit Ursula von der Leyen zu tun . Die hat zuerst das Land mit Warnungen vor massenhafter Altersarmut erschreckt und dann der Kanzlerin mit Rücktritt gedroht , falls sie ihre Rentenpläne nicht durchsetzt. Eine große Boulevardzeitung hat das zu der Frage inspiriert, ob von der Leyen die Kanzlerin stürzen wolle. Geht es hier noch um die Rente oder doch schon um die ganze Macht?

Ein Besuch in von der Leyens Ministerbüro. Hohe Wände, schwere Möbel, fast die gesamte Ausstattung stammt noch von den Vorgängern. An ihrem runden Tisch sitzt von der Leyen meist am selben Platz, mit dem Rücken zur großen Uhr an der Wand. Sie weiß auch so, wie wenig Zeit sie hat.

An diesem Nachmittag lässt von der Leyen keinen Zweifel daran, dass sie tatsächlich gehen würde, falls es mit ihrer Zuschussrente nichts wird . Sie will nicht im Wahlkampf gegen ein Rentenkonzept der SPD argumentieren müssen, das ihren eigenen Ideen in fast allen wichtigen Punkten gleicht – und selbst mit leeren Händen dastehen. Sie will nicht in Talkshows lächeln für eine schwarz-gelbe Sozialpolitik, die nichts gegen die absehbare Altersarmut von Geringverdienern anbietet, aber mehr als eine Milliarde Euro pro Jahr übrig hat, um das umstrittene Betreuungsgeld für Kleinkinder zu finanzieren.

Merkel und Leyen waren Verbündete, keine Freundinnen

Ursula von der Leyen und Angela Merkel: die mächtigsten Politikerinnen Deutschlands. Die eine lächelt immer, die andere fast nie. Die eine sagt immer überdeutlich, was sie will, bei der anderen ist es selten ganz klar. Von der Leyen weiß, was sie Merkel verdankt – und umgekehrt. Als die Tochter des früheren niedersächsischen Ministerpräsidenten im Jahr 2004 überraschend ins Präsidium der CDU aufrückte, erzählte die Kanzlerin abends beim Bier, sie wisse genau, was die Männer in der CDU erzählten: Selbst die Deutsche Bischofskonferenz habe mehr Kinder als die wichtigen Frauen der Union. Aber von der Leyen mit ihren sieben Kindern, sagte Merkel damals lächelnd, die reiße sie nun alle wieder raus.

Die CDU-Vorsitzende Merkel und ihre Stellvertreterin von der Leyen, beide in ihrer Partei mehr respektiert als gemocht, waren lange Verbündete, Freundinnen waren sie nie. Die beiden verstehen das Verhalten der jeweils anderen zwar nicht immer, doch sie kennen einander mittlerweile fast wie ein altes Ehepaar, mitsamt allen Schwächen. Von der Leyen vermisst bei Merkel Leidenschaft, Merkel fehlen bei ihrer Ministerin Teamgeist und Geduld.

Von der Leyen fordert Merkel nun heraus

Nun sind sie zum ersten Mal in einer Situation, in der nicht beide gewinnen können. Von der Leyen hat die Kanzlerin nicht nur massiv unter Druck gesetzt, sie hat dafür auch einen besonderen Augenblick gewählt; nachdem Merkel ihren einstigen Vertrauten Norbert Röttgen entlassen hat, kann sie nicht ohne Weiteres die nächste Machtprobe mit einem Rauswurf beenden. Sich der stärksten Frau in ihrem Kabinett zu entledigen, dieser Weg der Konfliktbereinigung ist Merkel verwehrt. So ist Ursula von der Leyen mit ihrer Rücktrittsdrohung in einer starken Position. Wie kein Kabinettsmitglied vor ihr hat die Ministerin die Konfrontation mit der Kanzlerin gesucht. Von der Leyen hat ihre Autorität offen infrage gestellt, faktisch erkennt sie ihre Richtlinienkompetenz auf dem Felde der Sozialpolitik nicht mehr an. Die Antwort der Kanzlerin steht aus.

Merkel, selbst in der Rentenfrage lange unentschieden, nimmt ihrer Ministerin vor allem übel, dass sie nicht nur intern, sondern auch über die Medien Druck auf sie ausübt. Mit der Warnung vor einer massenhaften Altersarmut, so sieht Merkel es zumindest, habe von der Leyen der Regierung mehr geschadet als genützt. Ohne von der Leyens Drohung hätte die Kanzlerin vermutlich dem massiven Widerstand in der Unionsfraktion und vor allem bei der FDP nachgegeben und das Thema vertagt. Doch nun lässt es sich nicht mehr einfach abräumen.