Man sagt, eine gute Geschichte sei wie eine Zwiebel: Je länger man sie schält, desto mehr neue Schichten kommen zum Vorschein. Vielschichtigkeit und bleibende Bedeutung machen wirklich wichtige Geschichten aus. Das übertreffen die vier Morde mühelos, die das Teheraner Regime im September 1992 im Berliner Restaurant Mykonos an iranischen Oppositionellen verübte. Die damaligen Vorgänge ähneln einer Streubombe, deren einzelne Sprengkörper noch zwanzig Jahre später explodieren. Das fünf Jahre nach den Morden ergangene Urteil sowie der anschließende einstimmige Beschluss der Europäischen Union, ihre Beziehungen zu Teheran zu unterbrechen, haben eine Wirkung gehabt, wie sie die immer wiederkehrenden Kriegsdrohungen gegen den Iran nicht erreichen können.

Worin bestand die damalige Leistung? Für die vielen Exiliraner vor allem darin, dass nun endlich auch ihnen eine elementare zivilisatorische Errungenschaft zuteilwurde: Sicherheit. Seit der Errichtung der Islamischen Republik Iran im Jahr 1979 hatten sich Ajatollah Chomeinis Schergen methodisch darangemacht, eine Todesliste mit den Namen von 500 Dissidenten in der Diaspora abzuarbeiten. Auf dieser Liste standen Künstler, Schriftsteller, Intellektuelle und Mitglieder der Opposition, gegen die der Revolutionsführer Fatwas erlassen hatte. Die Todgeweihten waren nirgendwo sicher, weder in Washington noch in Rom, Paris oder Berlin. Weil die europäischen Regierungen wegschauten, konnten die Attentäter einen teuflischen Auftrag nach dem anderen erledigen. Dutzende Morde löschten eine ganze Generation patriotischer Anführer mit glänzender Zukunft aus. Bis zum Urteil des Berliner Kammergerichts vom April 1997, in dem als Drahtzieher der Morde das Teheraner Regime benannt wurde, waren es ausgerechnet dessen Vertreter gewesen, die in Europa den Luxus der Sicherheit genossen hatten.

Mit der neuen Sicherheit entstand eine neue Würde. Iranische Einwanderer hatten in Deutschland und anderswo in Europa lange Zeit den Eindruck, ignoriert zu werden. Nun zeigte ihnen der Berliner Urteilsspruch erstmals, dass sie wahrgenommen wurden. Sie traten aus dem Schatten und fingen an, sich in ihren neuen Gemeinwesen als aktive Bürger zu engagieren.

In der Hoffnung, im Iran eine demokratische Bewegung in Gang bringen zu können, haben westliche Politiker und Nichtregierungsorganisationen mit viel Geld und endlosen Anstrengungen versucht, am Regime vorbei iranische Einzelpersonen und Gruppen zu unterstützen. Solche Operationen sind kompliziert und letztlich fragwürdig. Vor allem aber konnten sich ihre Ergebnisse nie mit dem Erfolg messen lassen, den der Berliner Mykonos-Prozess bei den Exiliranern bewirkt hat. Die über dreieinhalb Jahre hinweg geführte Gerichtsverhandlung vermittelte dem Publikum einen Eindruck davon, wie wirkliche Rechtsstaatlichkeit funktioniert. Unter den Prozessbeobachtern befanden sich auch ehemalige politische Gefangene aus dem Iran. Ihre eigenen Verfahren, die ihnen jahrelange Haftstrafen eingetragen hatten, waren innerhalb einer einzigen Stunde über die Bühne gegangen. Nun veränderte das Erlebnis des Berliner Prozesses nicht nur ihr Leben, sondern unterfütterte auch ihre Träume von einer besseren Gesellschaft. Für die iranischen Oppositionellen, die die Verhandlungen verfolgten, war der Prozess eine einzige intensive Lehrzeit. Sie konnten beobachten, wie das langwierige und zuweilen ermüdende Räderwerk des Rechtsstaates letztlich zu einem gerechten und bahnbrechenden Urteil führte: Drei Männer wurden zu langen Haftstrafen, einer wurde zu lebenslanger Haft verurteilt. Hier nahm der Westen seine Ideale und Prinzipien ernst. Der Geburtsort der modernen Demokratie blieb sich treu.

Wie wirksam das Mykonos-Urteil war, lässt sich leicht daran ablesen, wie die Teheraner Machthaber mit dem Thema umgingen. Das iranische Regime scheut nie davor zurück, sich selbst der abscheulichsten Taten zu rühmen. Alljährlich gedenkt es mit großem Brimborium der Besetzung der US-Botschaft im Jahr 1979. Und auf iranischen Briefmarken prangen die Porträts von Terroristen wie etwa dem Mörder des ägyptischen Präsidenten Anwar al-Sadat. Doch zum Fall Mykonos schwieg das Regime eisern. Als Teherans Propagandisten erkannten, dass sich aus dieser Angelegenheit kein Vorteil ziehen ließ, setzten sie alles daran, die Sache unter den Teppich zu kehren. Wie bedeutsam das Thema war, begriff das Regime allerdings durchaus. Die Gesetze des politischen Überlebens zwangen es, seine Tonlage und sein Image neu zu justieren. 1997, als das Berliner Gericht das Urteil im Mykonos-Prozess fällte, herrschte Wahlkampf im Iran. Im April lag der Präsidentschaftskandidat Mohammed Chatami in den Umfragen noch zurück; Ende Juni wurde er zum Präsidenten gewählt. Zwei Jahre beispielloser politischer Offenheit begannen und markierten die iranische »Reform-Ära«. In diesen zwei Jahren brachte eine Handvoll Bücher die gesellschaftliche Debatte im Iran auf einen völlig neuen Kurs. Das wichtigste dieser Bücher nahm sich die Arbeit der deutschen Staatsanwälte zum Vorbild. Es untersuchte Morde, die im Iran an führenden Dissidenten begangen worden waren – und gelangte zu denselben Schlüssen wie das Berliner Gericht.

Wohin steuert die demokratische Bewegung im Iran heute? Das ist schwer zu sagen. Aber so viel ist sicher: Statt die Geschichten ihrer über dreißigjährigen Leidenszeit schüchtern zu verdrängen, sollte die iranische Opposition diese Erfahrungen stolz als Grundpfeiler der eigenen Legitimität betrachten. Unter diesen schmerzvollen Geschichten ist die Aufarbeitung der Mykonos-Morde ein leuchtendes Beispiel dafür, wie Leid zu Würde und zu Gerechtigkeit führen kann – und was der Westen tun sollte, um in diesem Kampf auf der richtigen Seite zu stehen.

Aus dem Englischen von Tobias Dürr