DIE ZEIT: Herr Jauffret, was veranlasste Sie, einen Roman über den aufsehenerregenden Fall von Josef Fritzl zu schreiben, der mehr als zwei Jahrzehnte lang seine Tochter in einem Kellerverließ gefangen hielt, sie immer wieder vergewaltigte und mit ihr insgesamt sieben Kinder zeugte?

Régis Jauffret: Ich hörte davon in den Radionachrichten hier in Frankreich und wusste sofort, dass ich darüber ein Buch schreiben wollte. Ich habe Philosophie studiert und musste an das Höhlengleichnis aus der Politeia von Platon denken. Dort leben Menschen von Kind an in einer Höhle in Gefangenschaft und halten diese Welt für realer als die Welt draußen, die sie nur als Schatten an den Höhlenwänden wahrnehmen. Mehr als 2.000 Jahre später wurden in Amstetten diese Schatten durch Fernsehbilder ersetzt, mit deren Hilfe die Menschen in ihrem Kellergefängnis Kenntnis von dem Leben draußen erlangten. Diese Parallele hat mich zunächst interessiert.

ZEIT: Es ist, vor allem von ausländischen Medien, viel über das "typisch Österreichische" an diesem Fall spekuliert worden. Auch der Titel ihres Romans, Claustria, spielt mit der Vorstellung, dass Österreich wie geschaffen für einen derart monströsen Fall sei.

Jauffret: Das war überhaupt nicht meine Intention. Für mich war das anfangs kein typisch österreichischer Fall. Er ist es auch heute noch nicht. So etwas kann überall passieren. Vielleicht erfahren wir nächste Woche von einem ähnlichen Fall in der Nähe von London. Auch die Parallelen, die von vielen britischen Medien zwischen dem Dritten Reich und dem Fall Fritzl gezogen wurden, sind Unsinn. Josef Fritzl war 1945 ein zehn Jahre altes Kind. Das Dritte Reich kann ihn nicht ideologisch geprägt haben. Die Region wurde traumatisiert, als die Rotarmisten 1945 einmarschierten und Zehntausende Frauen vergewaltigten. Fritzls Mutter war während der NS-Zeit zweimal im Konzentrationslager Mauthausen eingesperrt, das hat sie sicher geprägt. Aber ob sie ihren Sohn deshalb häufig schlug? Sehen wir doch den Tatsachen ins Auge: Es galt als völlig normal, dass Kinder damals schlecht behandelt wurden.

ZEIT: Es ist nur schwer vorstellbar, dass ein derartiges Verbrechen so lange Zeit unentdeckt blieb.

Jauffret: Allerdings muss man sich die Frage stellen, ob Fritzls Verbrechen hätten verhindert werden können? Oder wie man verhindern kann, dass so etwas wieder geschieht? Und da erschreckt es mich schon, dass Inzest und Kindesmissbrauch in Österreich vergleichsweise sehr milde bestraft werden. Seit der Aufdeckung des Falls 2008 und der Verurteilung Fritzls im Jahr darauf sind die Strafbestimmungen in Österreich unverändert geblieben. Wer aber hat etwas dagegen, sie zu verschärfen und dadurch größere Abschreckung zu erzielen? Abschreckung hilft zumindest, manche dieser Taten zu verhindern.

ZEIT: Werden Sie das auch in Wien fordern, wenn Sie dort am nächsten Montag die deutsche Übersetzung Ihres Romans vorstellen?

Jauffret: Ja, das werde ich sicher tun. Das ist das einzige Ziel, das ich inzwischen mit diesem Buch verfolge: dass die Gesetze geändert werden. Mir geht es nicht mehr um den Fall Fritzl. Es geht um die Rechte und den Schutz von Kindern. Wir hier in Frankreich haben manchmal das Gefühl, Österreich sei weit entfernt. Aber nein, das Land liegt mitten in Europa – der Fall Fritzl, der ist bei uns passiert. Deshalb geht die Verschärfung der österreichischen Gesetze auch Europa an. Im Augenblick sprechen in Brüssel alle über die Rettung des Euro. Und wer rettet die Kinder? Der Humanismus war doch auch einmal die Basis für die EU, nicht nur der Gedanke einer Wirtschaftsunion!

ZEIT: Sind Sie der Meinung, der Fall müsste noch einmal neu aufgerollt werden, wie jetzt anlässlich der Veröffentlichung Ihres Romans in Österreich wieder gefordert wird?

Jauffret: Das muss die österreichische Justiz entscheiden. Aber was würde das bringen? Es würden vielleicht Fritzls Ehefrau und ein paar Nachbarn vor Gericht stehen, die weggesehen und weggehört haben. Und ein paar Beamte, die keine Fragen stellten. Aber das Verbrechen und seine Folgen würden damit nicht ungeschehen gemacht werden. Ein paar armselige Mitwisser an den Pranger zu stellen ist nicht mein Ziel. Nein, noch mal: Die Zukunft ist wichtig und dass so etwas nicht wieder passiert. Deshalb müssen die Gesetze verschärft werden. Wen würde das schmerzen? Doch nur die Verbrecher.