ZEIT: Es ging nicht um Argumente. Verstehen Sie, warum Sie die Gefühle von Leuten verletzten?

Rushdie: Es ist mir egal, warum sie sich verletzt fühlten. Um von einem 600-Seiten-Buch verletzt zu sein, muss man viel Arbeit investieren. Es ist sehr einfach, nicht verletzt zu sein, man guckt sich ein anderes Kunstwerk an. Unsere Buchläden sind voll mit Büchern, damit man auswählen kann. Es gibt auch Bücher, die mich verletzen würden, Shades of Grey vermutlich (lacht), aber deswegen fackele ich nicht den Laden ab. Das Gerede von "Verletztsein" ist Quatsch. Keiner hat das Recht, verletzt zu sein. Wäre Verletztsein ein Argument, wäre Harry Potter in Amerika verboten, weil einige Leute finden, dass es Hexerei unterstützt.

ZEIT: Wünschen Sie sich heute, angesichts dessen, was Sie und viele durchgemacht haben, Sie hätten das eine oder andere zurückhaltender formuliert?

Rushdie: Im Gegenteil. Wenn ich etwas gelernt habe: Keine Kompromisse. Es gibt Werte, nach denen ich mein Leben leben möchte, und sie bilden die Grundlage für die Art von offener Gesellschaft, in der ich gerne lebe. Bei diesen Werten kann es keine Kompromisse geben. Die Freiheit der Meinungsäußerung gehört dazu, ohne sie verschwinden alle anderen Freiheiten.

ZEIT: Haben Sie jemals daran gedacht, den Mördern zuvorzukommen und sich selber zu töten?

Rushdie: Nein, das ist mir nicht gegeben. Aber ich hatte auch Menschen, die zu mir standen, meine Familie, meine Frau Elizabeth, mein Sohn.

ZEIT: Sie sprechen oft, mehr noch als von Furcht, von Scham, die Sie empfunden haben. Was ist der Kern dieses Gefühls von Scham?

Rushdie: In der östlichen Kultur gibt es diese Achse zwischen Ehre und Scham. In der christlichen Welt liegt sie zwischen Sünde und Erlösung. Es bedeutet, etwa aus der Perspektive der muslimischen Kultur, dass Stolz eng verbunden ist mit der Identität. Wer gezwungen ist, sich so zu verhalten, das der Stolz verletzt wird – empfindet Scham.

ZEIT: Aber Sie waren noch immer Salman Rushdie, der den Booker Prize gewonnen hat...

Rushdie: Das macht es schlimmer. Der Salman Rushdie, der den Booker Prize gewonnen hat, muss sich unter dem Küchentisch verstecken, wenn ein Nachbar vor dem Haus steht.

ZEIT: Sie leben jetzt mitten in Manhattan ...

Rushdie: Ja.

ZEIT: Im Gewühle beim Union Square...

Rushdie: Nein, tue ich nicht!

ZEIT: Sehen Sie ab und zu über die Schulter?

Rushdie: Nie. In Manhattan sind alle Taxifahrer Muslime, nicht selten wollen sie ein Autogramm.

ZEIT: Mr. Rushdie, vielen Dank für das Gespräch.

PS. Der Daily Telegraph meldete am 17. September 2012, dass die iranische Gruppierung 15 Khordad Foundation das Kopfgeld auf Salman Rushdie auf 3,3 Millionen US-Dollar erhöht hat.