Clubs waren gestern, heute gibt es die "Valise Society", eine Art mobilen Salon, den der seit einigen Jahren in Berlin lebende Kalifornier Tobias Tanner gegründet hat. In regelmäßigen Abständen lädt er an wechselnden Orten zum Cocktail oder Dinner ein und bringt so die mobile globale Szene in der deutschen Hauptstadt zusammen. Der jüngste Umtrunk im ULA, einem japanischen Restaurant in der Anklamer Straße, fand zu Ehren von Deanna Zandt, einer New Yorker Netzwerkberaterin für Aktivisten und NGOs, statt. Die Avantgarde braucht keine Drogen mehr, erklärte sie zu einem Glas Leitungswasser, "es geht um Emotionen, um Möglichkeiten, in Kontakt zu treten. Als die sozialen Medien aufkamen, wurden sie sofort begeistert angenommen. Wir wollen nicht allein sein." Auf der TED, einer Art philosophischer Trendkonferenz, die diesen Sommer in Berlin stattfand, hat Zandt ihre eigene Biografie als zeittypisches Muster gedeutet: "Jeder Job, den ich je hatte, hat sich durch Freunde ergeben. Unsere Karrieren verlaufen nicht länger geradlinig." Sie stimmt Marshall McLuhan zu, der die mediale Revolution vorhersagte und schon vor 50 Jahren das Ende der Linearität proklamierte. Ihm genügte das Phänomen des Radio-DJs, um die Rückkehr der Stammesgesellschaft mit ihren Buschtrommeln und kollektiven Feuerplätzen vor sich zu sehen. Kaum waren wir im Gespräch, da hatte Zandt mir schon einen Link geschickt, den ich, ganz linear, erst zu Hause studierte. Er handelte vom Neuroökonomen Paul Zak, der nachwies, dass intensives Twittern den Ausstoß von Oxytocin beflügelt, einem Empathiehormon, das für Gesundheit und ein langes Leben sorgt.

Wissenschaftler der Washington University allerdings kamen zum selben Ergebnis, als sie mit Romanlesern experimentierten. Wie bei Social-Media-Anhängern reagierte auch ihre Chemie auf die Geschicke der fiktionalen Helden, als hätten sie sie leibhaftig miterlebt. Dass der einzige Buchtipp an diesem Abend vom jüngsten Teilnehmer, dem 1989 in Ostberlin geborenen "Erfahrungsmanager" Felix Wieduwilt, stammt, zeigt allerdings noch keine Trendwende an. All die neuen Berufe, die im ULA zu Lachs-Tempura zusammenkamen, drehten sich darum, wie sich das eigene Leben durch Netzwerken intensivieren lässt. Wieduwilt organisiert Unternehmenstreffen und private Dinner von Paris bis Tokio; Hunderson Sabbat bietet New-York-Besuchern, wie Tobias Tanner in Berlin, einen "kulturellen Escort-Service" an. Die Londonerin Anju Rupal ist ein "Angel Investor", sie sammelt das nötige Geld, um Frauenhäuser und Kinderhorte in Indien und der Schweiz auf die Beine zu stellen: "Dafür habe ich keine Ausbildung", sagt sie, "aber ein Netzwerk." Sie plant ein indisches Äquivalent zum Body Shop und hat nebenbei eine Onlinepartnervermittlung gegründet, die auch die DNA der Interessierten berücksichtigen will.

Wissenschaftliche Hilfestellungen sind in dieser Welt der Pragmatiker so wenig tabu wie pädagogische Katalysatoren. Spielerisches Lernen steht bei Deanna Zandt hoch im Kurs, auch wenn es wundert, dass die NGO-Beraterin zur Verbesserung des schulischen Alltags ausgerechnet Monopoly empfahl. Um das Stochern im Small Talk zu vermeiden, bat Tanner jeden Gast, drei Dinge zu benennen, zu denen er sich gern befragen lasse. Ein Architekt aus Mailand schlug Mailand, Architektur und Feminismus vor. Der Leiter eines norwegischen Softwareunternehmens bot Künstliche Intelligenz, Ski und französische Frauen an. So füllte sich der Raum schnell mit Informationsknotenpunkten. Ich brauchte Tage, um das dichte Netz am PC zu entwirren. Jemand, der Einkaufsassistent für Versace gewesen war, kam nicht aus London oder New York, sondern aus "Boetzzettelerfehn" in Ostfriesland, wie er mir aufschrieb, 48 Einwohner, sagte er. Doch das musste eine Insider-Schreibweise sein, denn das Netz wusste nur von einem seit 1180 aktenkundigen Boekzetelerfehn. In der Willkommensadresse des Ortes wird denn auch betont, dass das Hochmoordorf "nicht auf dem Reißbrett" entstanden sei und dass "die Tatsache, dass sich fast jeder Boekzeteler in irgendeiner Weise in einem Verein engagiert", sehr für die Dorfkultur spreche. Wir können also davon ausgehen, dass sich auch unsere Vorfahren schon zu vernetzen wussten und dabei nicht linear vorgingen. Clubs mögen out sein und mediale Salons im Kommen, aber die Oxytocin-Ausschüttung, die das deutsche Vereinswesen hervorruft, übersteht jede Krise.