Mitbestimmung stört, Umverteilung bremst, der Sozialstaat ufert aus – höchste Zeit, mehr Marktwirtschaft zu wagen! So einfach ist das; am besten lernen es die Kinder schon in der Schule. Und wenn Kultusminister und Schulbuchverlage das anders sehen, bringt man es den Schülern einfach selbst bei.

"Man", das sind deutsche Unternehmen und Wirtschaftsverbände, die versuchen, Lobbyarbeit schon bei Schülern zu betreiben , möglichst direkt und ungefiltert. So sponsern sie Schulen mit ihren Produkten oder schicken Mitarbeiter in die Klassenzimmer, die – scheinbar neutral – aus der Praxis berichten.

Es gibt aber auch einen diskreteren Weg, den Kapitalismus an den Schüler zu bringen. Seit einigen Jahren machen wirtschaftsnahe Institute dem Schulbuch Konkurrenz – mit eigenen, unterrichtsfertig aufbereiteten Broschüren zu Themen wie Mitbestimmung, Globalisierung oder Gerechtigkeit. Besonders eifrig sind dabei das Kölner Institut der deutschen Wirtschaft (IW), unter anderem vom Bund der deutschen Industrie finanziert, und das Institut für ökonomische Bildung (IÖB) der Universität Oldenburg, das mit dem Handelsblatt und wechselnden Partnern wie dem Deutschen Industrie- und Handelskammertag zusammenarbeitet. "Der Kampf um die Köpfe der Kinder hat begonnen", sagt Tim Engartner, Professor für Didaktik der Sozialwissenschaften an der Universität Frankfurt. Denn während der Satz des Pythagoras unabänderlich gilt, behandeln Fächer wie Sozialkunde offene Fragen: Welche ist die beste Staatsform? Wie sieht die ideale Wirtschaftsordnung aus? Was ist gerecht? "In diesen Fächern wird die geistig-moralische Grundhaltung der Schüler geprägt", sagt Engartner.

In der politischen Bildung gibt es deshalb eine Art Grundgesetz, auf das sich 1976 alle Parteien und Konfessionen geeinigt haben. Dieser sogenannte Beutelsbacher Konsens soll verhindern, dass Regierungen, Schulbuchverlage oder Lehrer das Klassenzimmer missbrauchen, um eigene politische Ansichten auszusäen. Der Konsens verpflichtet Lehrer unter anderem auf folgende Grundsätze: Sie müssen das Überwältigungsverbot achten, dürfen also Schülern nicht ihre Meinung aufzwingen, sollen vielmehr verschiedene Standpunkte neutral vermitteln und die Schüler ermuntern, sich ein eigenes Bild zu machen. Wenn Themen in der Gesellschaft kontrovers diskutiert werden, müssen sie unterschiedliche Meinungen abbilden, dürfen also nicht einseitig unterrichten.

"Die Schüler sollen wirtschaftspolitisch eingenordet werden"

Doch während die meisten Bundesländer offizielle Schulbücher erst nach gründlicher Prüfung zulassen, gibt es für privat hergestelltes und verbreitetes Material keine Qualitätskontrolle. Den Lehrern steht es frei, nach eigenem Ermessen ergänzendes Material zu verwenden.

Die Frage ist: Sind Heftreihen wie Handelsblatt macht Schule von IÖB und Verlagsgruppe Handelsblatt (die zur Dieter von Holtzbrinck Medien GmbH gehört, die auch 50 Prozent am Zeitverlag hält) oder Thema Wirtschaft (IW) eine achtbare Ergänzung der bestehenden Schulbücher, aktuell und ausgewogen? Oder sind sie das Deckmäntelchen, unter dem eine wirtschaftsliberale Weltanschauung in die Klassenzimmer huscht – und in die Köpfe der Schüler?

"Solche Broschüren missachten die Prinzipien des Beutelsbacher Konsenses", sagt Jeanette Klauza vom Deutschen Gewerkschaftsbund (DGB). Die Hefte höben einseitig die Vorzüge eines schlanken Staats hervor und stellten das Sozialsystem als überfordert dar, ohne die Gegenposition abzubilden. "Die Schüler sollen wirtschaftspolitisch eingenordet werden."

Offizielle Schulbücher sind oft veraltet

Hans Kaminski, der Direktor des IÖB, bestreitet, dass seine Veröffentlichungen eine neoliberale Schlagseite haben. "Wir berücksichtigen selbstverständlich den Beutelsbacher Konsens. Unser Ziel ist es, gemeinsame und unterschiedliche Interessen deutlich zu machen und didaktisch ausgewogen zu informieren." Tatsächlich kommen etwa im Heft Unsere Wirtschaftsordnung sowohl Befürworter als auch Kritiker der freien Marktwirtschaft zu Wort. Allerdings ist für Kommentare, die eine "überzogene Umverteilungspolitik" und einen "ausufernden Sozialstaat" geißeln, Platz auf vier Seiten. Dem mäßigen Rang, den Deutschland bei der sozialen Gerechtigkeit im internationalen Vergleich einnimmt, müssen dagegen 17 Zeilen genügen – ohne einen Hinweis auf mögliche Ursachen oder Lösungen.

Das Kölner IW beschäftigt sich in einem Thema Wirtschaft von 2005, das das IW auf seiner Website anbietet, mit Mitbestimmung. Mehrfach geht es gegen "ideologisch eingestellte Betriebsräte", die "unbestritten" in der Lage seien, "Betriebsabläufe empfindlich zu stören". Als wertvoll bezeichnen die Autoren die Arbeit eines Betriebsrats nur dann, wenn sie dem "wirtschaftlichen Erfolg des Unternehmens dient" und "die Beteiligten nicht im Traum daran denken, Punkt für Punkt die Paragraphen des Betriebsverfassungsgesetzes umzusetzen".

Die offiziellen Schulbücher sind oft veraltet, für neue fehlt Geld

Die zuständige Redakteurin des IW, Irina Berenfeld, möchte sich zum Inhalt der Mitbestimmungsbroschüre nicht äußern; sie habe diese nicht verantwortet. Neuere Hefte seien jedoch "so neutral und ausgewogen wie möglich". Vollkommen objektiv könne ein Text aber nie sein. "Wenn es also zu kleinen Verzerrungen kommt, sind diese eher ungewollt."

In einem weiteren IW-Heft von 2011 verwirft der Autor die Ansichten von "Otto und Lieschen Normalverbraucher" und lässt dann die "Ökonomen" zu Wort kommen, die sich offenbar allesamt einig sind, dass "ein hoher Kündigungsschutz (...) ein Hindernis" sei – die These bleibt unwidersprochen.

Ob und wie Lehrer die Broschüren im Unterricht verwenden, dazu gibt es keine Studien. "Ein ausgebildeter Wirtschaftslehrer kann solche Materialien sichten, bewerten und gezielt einsetzen", sagt Didaktiker Engartner. Allerdings mangele es oft an Fachlehrern. Zudem sind die offiziellen Schulbücher oftmals veraltet, für neue fehlt das Geld. Wollen Lehrer ihren Schülern etwa Finanzkrise oder Euro-Rettung erklären, müssen sie improvisieren. Oder zu den kostenlosen Broschüren samt vorbereiteten Fragestellungen und Übungen greifen. Die IÖB-Reihe "Handelsblatt macht Schule" wird nach eigenen Angaben Lehrern ausschließlich auf Anforderung zugeschickt – die Gesamtauflage des erfolgreichsten Hefts liegt derzeit bei 35000 Stück.

Auch die Kritiker des Kapitalismus versuchen, ihren Standpunkt mit kostenlosem Material an den Schüler zu bringen. An Einseitigkeit stehen sie dabei ihren Gegenspielern aus der Wirtschaft in nichts nach. Die globalisierungskritische Organisation Attac wettert in einem ihrer Hefte gegen "radikale Privatisierung" und macht Werbung für eine eigene Kampagne gegen Energiekonzerne. Die Hans-Böckler-Stiftung des DGB ignoriert in ihrem Heft zur Mitbestimmung mögliche Nachteile so entschlossen wie das IW die Vorteile.

"Wenn Lehrer das Thema mit Heften des IW behandeln, werden sie es in der Regel nicht noch einmal mit Materialien der Hans-Böckler-Stiftung unterrichten", sagt Engartner. "Eine am Beutelsbacher Konsens ausgerichtete Darstellung findet nicht statt. Das ist ein didaktisches Desaster." Ohnehin kämpfen die Kontrahenten mit ungleichen Mitteln: So setzte die Böckler-Stiftung in sechs Jahren insgesamt 18000 ihrer Hefte ab, während das IW jährlich allein 8000 Exemplare von Thema Wirtschaft druckt. Attac hat 2008 ganz aufgehört, neue "Bildungsbausteine" zu produzieren – den Globalisierungskritikern fehlt das Geld.