Im ersten Moment denkt man immer: Kann das gut gehen? Doch dann fällt einem ein, dass es schon so oft gut gegangen ist, wenn die CDU zusammen mit Helmut Kohl Helmut Kohl feiert: runde Geburtstage, Mauerfalljubiläen, Einheitsfeste und andere Gedenktage der Parteihistorie . Heute jährt sich zum dreißigsten Mal der Tag, an dem Helmut Kohl Kanzler wurde!

Dass sich eine Partei mit ihrem bedeutendsten lebenden Repräsentanten schmücken will, um historische Kontinuität und Größe zu demonstrieren, ist eigentlich selbstverständlich. Doch wenn Helmut Kohl, Angela Merkel und Wolfgang Schäuble aufeinandertreffen, ist nichts selbstverständlich. Auch über ein Jahrzehnt nach dem Ende der Ära Kohl sind die Wunden nicht verheilt, die damals geschlagen wurden. Die gemeinsamen Feierstunden sind Versuche, Normalität zu zelebrieren, aber sie zeigen vor allem, dass Normalität sich nicht einstellen will. Wann immer die drei prägenden Gestalten der jüngeren CDU-Geschichte zusammenkommen, erinnern sie an das Drama, in das sich Politik im Extremfall verwandeln kann. Zu sehen sind dann die Spielarten der Macht, die offen brutale und die nüchtern berechnende, und die Fallen bedingungsloser Loyalität. Es lässt sich dann studieren, wie aus politischen Freunden Feinde werden oder wie einer seinen Nachruhm verdirbt, wenn er zu sehr an ihm interessiert ist. Und natürlich kann man beobachten, wie sich das alles mit nüchterner Entschlossenheit in einer Feierstunde auch wieder verhüllen lässt.

"Meine Beziehung zu Helmut Kohl ist beendet"

Angela Merkel wird an diesem Donnerstag die Laudatio auf Kohl halten. Sie hat darin inzwischen eine gewisse Übung. Zwar war sie es, die im Dezember 1999, auf dem Höhepunkt der CDU-Spendenaffäre, den Bruch mit dem Patriarchen vollzog; aber seither arbeitet sie an dessen kontrollierter Reintegration. Von Wolfgang Schäuble lässt sich das nicht behaupten. Er wird sich der Festveranstaltung im Deutschen Historischen Museum nicht entziehen. Aber der einst wichtigste Helfer Helmut Kohls will nicht Teil einer Inszenierung werden. Um Missverständnissen vorzubeugen, hat er gerade noch einmal klargestellt, wie er zu dem Mann steht, dem er über zwei Jahrzehnte loyal gedient hat: »Meine Beziehung zu Helmut Kohl ist beendet.«

Den Altkanzler wird das wahrscheinlich nicht abhalten, auch diesmal wieder einen seiner demonstrativen Annäherungsversuche an den einstigen Freund zu starten. Schäuble wird es kühl über sich ergehen lassen. »Ich habe wohl schon zu viel meiner knapp bemessenen Lebenszeit mit dir verbracht«, mit diesen Worten hat Schäuble im Januar 2000 die Verbindung zu Kohl gekappt. In den letzten Jahren hat er sich angewöhnt, ganz ohne Groll, fast ein wenig gelangweilt über das Zerwürfnis zu sprechen. Das verstärkt den Eindruck, es sei endgültig.

Noch einmal gewinnen – oder untergehen

Auf den Fotos vom 1. Oktober 1982, auf denen Helmut Kohl nach seiner Wahl im Bundestag die Gratulationen entgegennimmt, steht Schäuble hinter ihm und applaudiert. Er ist gerade 40 geworden, ein schmächtiger, konzentriert wirkender Mann. Dass er einmal die wichtigste Stütze Kohls werden wird, weiß man da noch nicht. Auch nicht, dass er nach Jahren größter Loyalität mit ihm brechen wird. Dass zwei so prägende Politiker, die füreinander, für ihre Partei und die Republik so wichtig gewesen sind, sich offen verfeinden, hat es so noch nicht gegeben.

»Wir sind Freunde«, hat Kohl 1997 einmal erklärt, »wer das nicht versteht, gehört auf die Couch.« Noch über die Jahre hinweg glaubt man den berstend-aggressiven Ton zu hören, den Kohl anschlug, wenn er Zweifel niederwalzen wollte. Doch Zweifel an dieser Freundschaft, vor allem daran, ob der Kanzler seinen treuesten Helfer wirklich als seinen Nachfolger sehen wollte, waren nur allzu begründet. Kohl ließ nicht los, wollte lieber noch einmal gewinnen oder untergehen und scheiterte dann bei den Wahlen 1998.

Für Schäuble blieb danach nur ein Jahr als Übergangsvorsitzender und Oppositionsführer. Nicht er, sondern seine Generalsekretärin Angela Merkel drängte den Altkanzler in jenes politische Abseits , aus dem er sich nie mehr ganz herausgearbeitet hat. So laut kann Angela Merkel am Donnerstag ihren großen Vorgänger gar nicht loben, als dass er ihr diesen Schlag verzeihen würde.