Es begann mit zwei bitteren Niederlagen. Vergangenes Jahr verlor der EADS-Konzern das Wettbieten um einen 35-Milliarden-Dollar-Auftrag für Tankflugzeuge für die amerikanische Luftwaffe an Boeing. Den Europäern war klar, dass sie auch in Zukunft keine nennenswerte Rolle auf dem größten Rüstungsmarkt der Welt spielen würden. Dann, im Januar, wurden die Briten in Indien geschlagen, als die dortige Regierung entschied, ihre Luftwaffe nicht mit dem Eurofighter von BAE Systems auszustatten, sondern mit dem Rafale-Jet des französischen Konkurrenten Dassault. Zwei Monate später trafen sich die Besiegten zur Manöverkritik in München. BAE-Chef Ian King und der Vorstandschef von EADS, Thomas Enders, sind Partner im Eurofighter-Konsortium und diskutierten, was beim Indien-Deal schiefgelaufen war. Die beiden Männer könnten gar nicht unterschiedlicher sein. Der eine, King, ein nüchterner Schotte, der seine Karriere als Buchhalter begonnen hatte, und der andere, Enders, ein forscher Deutscher, der einst Fallschirmspringer bei der Bundeswehr war. Und dennoch dauerte es nicht lange, bis sie einen wahrlich ambitionierten Plan entwickelten.

Durch eine Fusion von EADS und BAE Systems wollen sie den zweitgrößten Rüstungs-, Raum- und Luftfahrtkonzern der Welt erschaffen. Es wäre "ein Koloss mit enormer Feuerkraft", sagt Michael Clarke vom Londoner Militär-Thinktank Rusi. Der gemeinsame Jahresumsatz läge bei rund 75 Milliarden Euro, aber die beiden Konzernteile würden weiterhin unabhängig von einander an den Börsen von Amsterdam und London notiert bleiben. Thomas Enders übernähme die Führung.

"Die indische Niederlage war deswegen so schlimm für BAE, weil sie klar gezeigt hat, wie verwundbar das Unternehmen geworden ist", sagt der Analyst von der Citibank, Jeremy Bragg. "Die Verteidigungsbudgets der westlichen Industrienationen sind in den vergangenen Jahren ausnahmslos verkleinert worden, und das bedeutet, dass Deals wie der mit Indien extrem wichtig werden." Um im Geschäft zu bleiben, muss BAE Systems also vielseitiger werden. EADS dagegen würde durch den Zusammenschluss endlich Zugang zum US-Markt gewinnen.

Nur handelt es sich eben nicht um Supermarktketten, sondern um zwei Unternehmen, auf die deutsche, französische und britische Regierungen direkten Einfluss nehmen.

In London herrscht seit einer Woche Verwirrung. Aus der Downing Street hörte man, die Regierung sei von Anfang an eingeweiht gewesen. "Grundsätzlich verschließt sich der Premierminister nicht der wirtschaftlichen Logik des Deals", sagt ein Mitarbeiter aus dem Stab von David Cameron. Sein Wirtschaftsminister Vince Cable dagegen warnte: "Nach geltendem Arbeitsrecht ist es bei uns viel leichter, Stellen abzubauen, als in Deutschland und in Frankreich. Dieser Deal kann nur funktionieren, wenn britische Arbeiter nicht dafür bezahlen müssen." Zugleich wies der Industrieverband CBI darauf hin, dass ein Zusammenschluss die Chance biete, den britischen Anteil an der Airbus-Produktion auszubauen. Der war in den vergangenen Jahren von etwas über 20 Prozent auf knapp 15 Prozent gesunken.

Im britischen Militär sind dagegen Stimmen des Entsetzens zu hören. BAE Systems steht hinter dem nuklearen Abschreckungsprogramm Trident, das in den nächsten Jahren erneuert werden soll. "Es muss absolut sichergestellt werden, dass unsere nationalen Sicherheitsinteressen hier nicht gefährdet werden", sagt ein ranghoher Offizier aus dem Verteidigungsministerium. "Auch für die Franzosen", so glaubt er, werde dies ein echtes Problem, "denn EADS stellt eine Reihe von Komponenten für das französische Atomwaffenarsenal her".

Es gibt noch einen weiteren Einwand. "Einer der wichtigsten Aspekte der britischen Verteidigungspolitik der vergangenen sechs Jahrzehnte ist die besondere Beziehung zu den USA", erklärt der Soldat. "Militärisch gesehen, sind wir der wichtigste Verbündete der Amerikaner in Europa, weswegen BAE Systems auch der größte ausländische Lieferant für die US-Armee ist. Eine Fusion könnte nicht nur bedeuten, dass sich der größte Markt auf einmal schließt, sondern auch, dass die Amerikaner dies als Signal verstehen, wir Briten würden uns von ihnen abwenden. Das wäre fatal."