Am 1. Oktober 1982 um 15.12 Uhr geht im Plenarsaal des Deutschen Bundestags in Bonn am Rhein ein Traum in Erfüllung: »Herr Präsident, ich nehme die Wahl an.« Der Abgeordnete Helmut Kohl , ehemals Ministerpräsident in Mainz, Vorsitzender der CDU seit 1973, seit 1976 auch Oppositionsführer in Bonn, ist mit 52 Jahren zum sechsten Kanzler der Bundesrepublik Deutschland gewählt, der Jüngste in diesem Amt.

256 Abgeordnete von CDU/CSU und FDP votierten für Kohl, die absolute Mehrheit – aber es waren nur sieben Stimmen »über den Durst«. Rasch rechneten Journalisten nach, dass insgesamt 19 Freidemokraten sich geweigert haben mussten, der Fraktionsspitze sowie Hans-Dietrich Genscher und Otto Graf Lambsdorff zu folgen. Diese 19 Getreuen, von denen viele später die FDP verließen, hatten keinen Grund gesehen, den hochrespektierten und populären SPD-Regierungschef Helmut Schmidt mittels eines konstruktiven Misstrauensvotums aus dem Amt zu katapultieren.

Ein Regierungswechsel in dieser Form war ein Novum. Zehn Jahre zuvor, 1972, hatte es schon einmal ein konstruktives Misstrauensvotum gegeben. Damals war CDU-Chef Rainer Barzel bei dem Versuch gescheitert, den SPD-Kanzler Willy Brandt auf dem Höhepunkt seines Ansehens zu stürzen und sich an seiner Stelle in das Amt wählen zu lassen. Entsprechend lange hatte Kohl gezögert, den Machtwechsel auf diese Weise zu wagen, nie ging ihm das Debakel von 1972 aus dem Sinn. Aber im entscheidenden Moment hatte er mehr Glück als Barzel.

In der Parlamentsdebatte an jenem 1. Oktober 1982 spiegelte sich wider, wie fragmentiert die Bundesrepublik war, wie in sich zerrissen die Volksparteien dastanden, vor allem die Sozialdemokraten. Viele Genossen zogen die Rückkehr in die Opposition vor. Im Land brodelte es. Die Friedensbewegung mobilisierte Hunderttausende im Widerstand gegen Schmidts »Nachrüstungs«-Pläne; es waren die größten Demonstrationen, die Bonn je erlebt hatte. Schmidt hatte Not, den Deckel daraufzuhalten. Das Land sollte berechenbar bleiben und die Politik reserviert für die demokratischen Institutionen. Für einen Aufbruch in Neues, für die Öffnung nach unten und die Integration der Jungen, Bürgerbewegten und Grünen stand der Sozialdemokrat aus Hamburg nicht.

Trotz der zunehmend erodierenden SPD hatte Kohl unendlich lange, zuletzt geradezu verbissen auf seine Stunde hinarbeiten müssen. Alles musste er sich erkämpfen, zum Schluss sah er sich von versteckten Gegnern umstellt, die ihn demontieren oder vorzeitig beerben wollten. Vor allem »die Medien« hielt er für verschworene Widersacher. Ihre oft polemische Häme über den tumben Hünen aus der pfälzischen Provinz traf ihn tief. Und tatsächlich klebte das Bild an ihm fest, verbreitete sich über die Landesgrenzen hinaus. »Exit a great man, enter a large one«, titelte der Guardian am Tag nach der Wahl.

Ende 1969, beim ersten großen Machtwechsel der Republik, hatte sich die allgemeine Seelenlage noch ganz anders ausgenommen. Bonn vibrierte geradezu vor Neuanfangslust. Zum ersten Mal eine Regierung ohne CDU – noch in der Wahlnacht hatte Willy Brandt der bisher regierenden Großen Koalition unter CDU-Kanzler Kurt Georg Kiesinger eine Absage erteilt. Brandts Parteigenossen Herbert Wehner und Helmut Schmidt waren düpiert, während FDP-Chef Walter Scheel sich mit ihm verbündete, um trotz knapper Mehrheit das sozialliberale Koalitions-Experiment zu wagen. Um die Ostpolitik ging es, und irgendwie auch um den Aufbruch in die »Moderne«.

Wie anders jetzt! Das bisschen sollte ein Anfang sein? Okay, Kohl hatte es geschafft, hatte seinen alten CSU-Rivalen aus Bayern, Franz Josef Strauß , ausgesessen und abgeschüttelt, hatte Schmidt bezwungen. Die alte Koalition war verschlissen, die FDP ging von der Fahne. Aber was wies nach vorne? Eine »konservative Revolution« war kaum in Sicht, Strauß’ brachial autokratische Politik war außerhalb Bayerns nicht mehrheitsfähig, auch wenn er selber es immer noch nicht glauben wollte. Hans-Dietrich Genscher hatte den Wechsel betrieben – und stand dennoch eher für Kontinuität.

Kohl, CDU-Parteimensch seit Jugendtagen, präsentierte sich gern als Volkes Stimme und Anwalt der kleinen Leute, als Mann der »Mitte« und »Antityp des Zeitgeistes«. Einen Wechsel bedeutete all das kaum. Denn für »Mitte« hatte schon Helmut Schmidt gestanden.

Es blieb der Makel, vorerst, nicht vom Volk gewählt worden zu sein

Dessen Entscheidung für die nukleare »Nachrüstung« hielt das Gros der eigenen Anhänger (samt Willy Brandt, der es nicht offen aussprechen wollte) für einen versteckten Abschied von der Entspannungspolitik. Auch Schmidts Überzeugung, dass der Staat angesichts knapper Kassenlage und bei wachsender Arbeitslosigkeit nicht länger als Garant für alle Lebenseventualitäten auftreten könne, fand in der CDU gewiss mehr Zuspruch als unter den eigenen Genossen. Am Sozialstaat wollte Schmidt sparen, um ihn überlebensfähig zu halten, verabschieden wollte er ihn nicht. Aber das galt ganz ähnlich auch für die Christdemokraten; Kohls Leute Heiner Geißler und Norbert Blüm wachten darüber. Die Grünen hingegen, die sich allmählich als Partei formierten, wie das ganze gigantische Thema der Ökologie blieben dem Ökonomen Schmidt ebenso fremd wie seinem Nachfolger Kohl.

Was diesen Abschied und Anfang vom 1. Oktober 1982 dennoch mit starken Emotionen auflud, war etwas anderes: Die sozialliberale Koalition galt vielen ihrer Verteidiger – nicht Schmidt – als ein politisch-kulturelles Projekt, die historischen Wurzeln verfolgten manche zurück bis zum Hambacher Fest. Diese Koalition, von Brandt und Scheel begründet, hatte wirklich einen Neuanfang versucht, um »mehr Demokratie zu wagen«. Das Wort des Potsdamer Historikers Manfred Görtemaker von der »Umgründung« der Republik trifft es recht gut. Und das sollte nun vorbei sein und die Republik wieder in die Hände der Christdemokraten übergehen, die sich nach wie vor als die einzig wahre Staatspartei verstanden? Nicht einmal eine ostpolitische Wende hatte die CDU bisher gewagt, entsprechend der Wende hin zur Westpolitik, welche die SPD 1960 vollzogen hatte...

So war es nicht nur die geradlinige Liberale Hildegard Hamm-Brücher, die während der Parlamentsdebatte die »moralisch-sittliche Qualität des Machtwechsels« bezweifelte. Vielen erging es ähnlich – aber die Mehrheit war weg. Erbost verbat sich Kohl-Freund und CDU-General Geißler jeden Gedanken, mit dem Kanzlersturz liege Verfassungswidriges in der Luft. »Verrat« nannte Klaus Bölling, Schmidts eloquenter Sprecher, wenig später im Spiegel das Verhalten der FDP. Schmidt selbst hatte es so scharf nicht formuliert. Altersmilde blickt er heute auf das Ende seiner Kanzlerschaft zurück: Zwar habe die FDP noch im Wahlkampf mit seinem Porträt geworben, aber schließlich sei es ja, so fügt er gern hinzu, die Leistung der Regierung Kohl gewesen, seine Politik ohne großen Bruch fortgesetzt zu haben. Außerdem, nicht zu vergessen: Nach über acht Jahren im Kanzleramt sei man ohnehin am Ende der Kräfte.

Kohl sah seinen Triumph über die »Sozen« naturgemäß ein bisschen anders. Gleich nach dem 1. Oktober blähte er ihn zur »geistig-moralischen Herausforderung« auf, eine Hyperwende versprach er, darunter tat er es nicht. Beeindrucken und vereinen sollte das vor allem die eigene Gefolgschaft, die an ihm zweifelte oder Strauß’ Linie nach wie vor überzeugender fand.

Es blieb der Makel, vorerst, nicht vom Volk gewählt worden zu sein. 1976 hatte der Kandidat Kohl die Wahl verloren, trotz der 48,6 Prozent, die er für die Unionsparteien geholt hatte. CDU/CSU waren daraufhin in die größte Krise ihrer Geschichte geraten. Damals hatte Kohl zunächst noch geschwankt, ob er zusätzlich zum Parteivorsitz die Fraktion übernehmen und als Oppositionsführer nach Bonn gehen solle. Franz Josef Strauß aber begnügte sich nicht mit solchen Quisquilien. Er dröhnte, die CDU habe im Norden mit ihrem Wischiwaschi-Kurs gegen Schmidt und vor allem gegen die »Sozialisten« die Wahlen verloren. Im November drohte er, die CSU werde eine eigene Fraktion bilden – obwohl Strauß wusste, dass Kohl dann mit der CDU in Bayern einmarschieren wollte. Er habe, so wütete Strauß, Kohl um des lieben Friedens willen unterstützt, aber der werde »nie Kanzler« werden: »Er ist total unfähig, ihm fehlen die charakterlichen, die geistigen und die politischen Voraussetzungen – der wird mit neunzig Jahren die Memoiren schreiben: ›Ich war vierzig Jahre Kanzlerkandidat. Lehren und Erfahrungen aus einer bitteren Epoche‹.«

Schmidt wie Strauß würden die FDP gern unter Wasser drücken

Trotz dieser krachenden Kanonenschüsse verließ Kohl Mainz und ging nach Bonn. »Fast selbstmörderisch«, urteilt der Historiker Hans-Peter Schwarz in seiner gerade erschienenen Kohl-Biografie , sei dieser Entschluss gewesen, sich ohne große Absicherung aufs glatte Bonner Parkett zu begeben. Tatsächlich seien sechs kritische Jahre gefolgt, auch wenn die spätere Erfolgsstory das überstrahle. Wenig habe Kohl bewegen können, oft habe er vor dem »politischen Aus« gestanden. Dem ist nicht zu widersprechen. Die Leidens- und Schüttelstrecke war noch nicht zu Ende: Bei der folgenden Wahl, 1980, musste der Pfälzer tatsächlich Strauß den Vortritt als Kanzlerkandidat lassen.

Zur stillen Freude von Schmidt und Brandt . Denn beide wussten: Wenn Kohl wieder angetreten wäre, dann hätte er es geschafft. Dem völlig unberechenbaren Strauß aber zogen selbst viele Unionswähler Schmidt vor. Dabei hatten Schmidt und Strauß durchaus einiges gemein. So hätten sie zum Beispiel lieber miteinander als mit den Liberalen regiert.

Kohl hingegen hatte immer auf die FDP als Partner geschworen. Entsprechend hielt er auch nichts von einer Wahlrechtsänderung, um die FDP unter Wasser zu drücken. Strauß wie Schmidt plädierten dafür, sie waren für klare Mehrheiten.

Nach Strauß’ Niederlage begann Teil zwei der Geduldsprobe. In der FDP hatte Kohl gute Karten. In den Unionsparteien hingegen flackerte erneut die Diskussion auf. Jetzt unterstützte zwar Strauß die Kandidatur des »total Unfähigen«, dafür aber hegten nun Schleswig-Holsteins Ministerpräsident Gerhard Stoltenberg und sein niedersächsischer Kollege Ernst Albrecht Zweifel an Kohls Eignung. Der Pfälzer argwöhnte, was er stets argwöhnte: Sie wollten ihm die Kandidatur streitig machen und damit das Amt, das er seit jungen Jahren anstrebte.

Im Herbst 1981 verfasste Außenminister Genscher seinen berühmten »Wende-Brief«, der klarmachen sollte, dass von den Gemeinsamkeiten zwischen SPD und FDP nichts geblieben war. Eine heiße Debatte folgte – zunächst weiter nichts. Vieldeutig prophezeite Genscher dann im Frühjahr 1982, das Schicksal der Koalition hänge davon ab, ob sie sich auf die notwendigen Einsparungen im Etat 1983 verständige und ob die CDU im Herbst die Landtagswahl in Hessen gewinne, denn damit winkte ihr eine Zweidrittelmehrheit im Bundesrat. Zugleich beteuerte er gegenüber dem ZEIT- Korrespondenten Rolf Zundel: »Glauben Sie mir, wir wollen den Erfolg dieser Koalition.«

Zu Schmidt war Genscher nicht offen

Das Ende war in Sicht. Dass Schmidt der Verlierer sein würde, zeichnete sich ab. Aber wie er dennoch das Heft in der Hand behielt, das machte ihm so leicht keiner nach. Auf 120 Seiten formulierte er eine Gardinenpredigt an seine Partei, die glaube, zwei Jahrzehnte der Opposition täten ihr gut, tatsächlich aber nur den »Kutschbock« für die Herren Strauß oder Kohl oder Albrecht oder Dregger frei mache. Zugleich entschloss er sich, der FDP, die ihre Karten partout nicht aufdecken wollte, den Kampf anzusagen. Seit Mai 1982 trafen sich die SPD-Minister vor den Kabinettssitzungen gesondert, so wie das die FDP schon immer pflegte. Solange er an der Regierung beteiligt sei, »so lange wird das Prinzip des sozialen Netzes, das Prinzip des Sozialstaats nicht gefährdet werden«, blaffte Schmidt Wirtschaftsminister Lambsdorff entgegen. »Über die Richtlinien bestimme ich!«

Der Aussprache mit Genscher, zu der sich die beiden im Sommer in Hamburg trafen, gab ein verärgerter Schmidt hinterher schlicht die Note »Fototermin«. Sogar das 34-seitige Lambsdorff-Papier, das bald als »Scheidepapier« bezeichnet wurde, ging auf seine Initiative zurück: Ausdrücklich sollte der Minister seine Vorstellungen schriftlich fixieren, damit man sich damit rational auseinandersetzen könne.

In der Union wurde inzwischen ein konstruktives Misstrauen erwogen – wäre da nicht das Drama von 1972 gewesen, Barzel versus Brandt. Zudem ging selbst Strauß die Lambsdorffsche Sparattacke auf den Sozialstaat entschieden zu weit, das sei »brutale Medizin«.

Schmidt machte den nächsten Schachzug, nicht Kohl: Am 8. September sprach er von 21 bis 22 Uhr in seinem Büro mit Genscher. Der Kanzler erklärte seinem Vize, er werde Kohl auffordern, ein konstruktives Misstrauensvotum zu wagen. Er selber werde dann Neuwahlen verlangen. Am Morgen darauf rief er der FDP im Plenum zu, Reisende solle man nicht aufhalten.

In dieser Kampfeslogik entschloss er sich eine gute Woche später, die FDP-Minister zu entlassen. Als sie davon Wind bekamen, kündigten sie von sich aus den Auszug aus der Regierung an. Kohl: Man dürfe Genscher nicht hängen lassen. Wenn die Freidemokraten ihn, Kohl, jetzt zum Kanzler wählen wollten, solle es so sein. Eine Bedingung jedoch seien Neuwahlen – allerdings nicht sofort, erst im Frühjahr.

Zu Schmidt war Genscher nicht offen. Aber auch zwischen Genscher und Kohl gab es offiziell kein klärendes Gespräch. Die Duzfreunde aus den Zeiten des ZDF-Verwaltungsrates tuschelten trotz aller Vertrautheit nicht konspirativ miteinander – weniger aus Rücksicht auf Schmidt denn in Sorge vor dem Zorn des Herrn, vor Strauß. Wenn er Beweise frei Haus erhalten hätte, Kohl wolle ihn ausbooten, sichere Genscher das Außenministerium zu, Stoltenberg die Finanzen und dem CSU-Kämpen Friedrich Zimmermann das Innenressort – wer weiß, welchen Torpedo der Mann aus München dann auf Kohl abgefeuert hätte.

»Ich traue es mir zu«, gestand der frisch Gewählte am 1. Oktober 1982 in aller Bescheidenheit dem Reporter der Süddeutschen Zeitung, Hans Ulrich Kempski. Optimistisch sei er, mit »Freude« sehe er der Arbeit entgegen. Was Kohl nicht sagte, aber in diesem Moment schon wusste: Strauß blieb nichts anderes übrig, als sich endgültig mit seinem Bayern zu bescheiden.

Als Schmidt Ende Oktober erklärte, in den für März 1983 anvisierten Wahlen nicht mehr antreten zu wollen, dürfte Kohl und Genscher eine Zentnerlast von den Schultern gefallen sein. Ohne Schmidt hatten die Sozialdemokraten keinerlei Chance mehr, den Machtwechsel noch einmal rückgängig zu machen.

Als Kohl bei der Nachrüstung zögert, intervenieren die Amerikaner

Auch die »Hamburger Medien«, die Kohl für blind und voreingenommen hielt, waren gar so realitätsfern nicht und begriffen bald, dass der Wechsel keinen grundlegenden Wandel befürchten ließ. Kohl achte durchaus auf Kontinuität, erkannte ZEIT- Chefredakteur Theo Sommer an, und seinem Leitartikel in der Silvesterausgabe 1983 gab er, in Anspielung auf den gerade erschienenen Bestseller-Roman von Sten Nadolny, die Überschrift Die Entdeckung der Langsamkeit. Motto: Es werde lange brauchen bis zur nächsten Zäsur, und auch Kohl werde die Republik schon nicht auf den Kopf stellen.

Wohl wahr. So wäre es dem neuen Kanzler zum Beispiel am liebsten gewesen, die Atomraketen würden nicht stationiert. Insgeheim suchte er Auswege. Eine halbe Million Protestierende auf der Bonner Hofgartenwiese hatten auch ihn beeindruckt. In Washington reagierte die Regierung Reagan alarmiert und schickte Kohl-Berater Horst Teltschik das Großkaliber Arthur Burns auf den Hals, um den Neuen in Bonn die Meinung zu geigen. Und die kuschten.

Dass der Machtwechsel vom 1. Oktober 1982 16 Jahre Kohl bedeuten würde – damit rechnete damals niemand, am wenigsten die CDU selbst. Am Vorabend fehlten beim »Zählappell« in der Fraktion 27 Abgeordnete, sogar am Morgen noch trat sie nicht vollständig an. Man empfand es irgendwie nicht als historisches Datum, was da auf der Tagesordnung stand. Wirklich, nichts war normal.

Für Helmut Schmidt stand der Ausgang der Abstimmung fest, Kohl war sich da nicht so sicher. Die »Ära Kohl begann als Zitterpartie, und als Zitterpartie geht sie weiter«, konstatiert Hans-Peter Schwarz lakonisch.

Bloß: Die Schlappe einst, bei der Abstimmung 1972, hatte für Barzel das Aus bedeutet – »komm, Puppe, wir gehen über die Steine«, soll er nach der Trauersitzung des Parteipräsidiums seiner Frau zugeraunt haben. Ob Stehaufriese Kohl die gleiche Niederlage am 1. Oktober verwunden hätte? Vermutlich schon. Keiner hatte mehr Nehmerqualitäten bewiesen als er, keiner war zäher, war so bereit, sich immer in eine neue Mitte zu bewegen. Nur war ihm auf dem Weg an die Spitze der rote Faden, die ursprüngliche konservative Agenda abhandengekommen. Man wusste, dass er es irgendwann schaffen würde, aber schon an jenem 1. Oktober wusste man nicht mehr, wozu.