Zur Abendessenszeit sind die gedeckten Tische im Hotel Metropol unbesetzt, nur an einem löffelt ein älterer Herr mit grauen Schläfenlocken und Kippa auf dem Kopf bedächtig seine Suppe. Ab und zu hebt der einsame Gast den Blick und betrachtet die Alpengipfel, die sich vor der Fensterfront erheben. Die Kellnerin beobachtet ihn aus einiger Entfernung; als er den Löffel ablegt, kommt sie, räumt das Suppenschälchen ab und bringt den Hauptgang: Rinderbraten, Nudeln und Erbsen-Karotten-Gemüse. Der Gast kann nicht sehen, dass das Fleisch von einem geschächteten Tier stammt und im richtigen Topf zubereitet wurde. Aber er kann sich darauf verlassen, deshalb ist er hier.

Weder der Hauptgang noch die Vorspeise oder das Dessert, ein Stück Apfelkuchen, enthalten Milchprodukte. Orthodoxe Juden müssen Milch und Fleisch zu getrennten Mahlzeiten essen, und das Metropol ist ein jüdisches Hotel. In der Küche verwenden die Angestellten unterschiedliches Geschirr für milchige und fleischige Speisen. Es gibt kein Schweinefleisch. Und der Wein ist koscher, was unter anderem bedeutet, dass die Trauben erst im vierten Jahr nach der Pflanzung geerntet und alle Geräte unter der Aufsicht eines Rabbiners gesäubert wurden.

Marcel Levin, Besitzer des Hotels, mit dichtem grauem Bart, Nadelstreifenanzug und Kippa auf dem Kopf, macht einen Rundgang durch seinen leeren Speisesaal. Die Vorhänge sind von der Sonne ausgeblichen, von den Fensterrahmen bröckelt an einigen Stellen die Lackierung. Er begrüßt seinen einzigen Gast mit Händedruck. Der möchte wissen, wie lange denn die Saison dauern werde in diesem Jahr. Herr Levin seufzt und antwortet in einer Mischung aus Iwrit und Hochdeutsch: "Früher wussten wir immer, wie viele Gäste wir erwarten und wie lange sie bleiben. Heute ist jeder einzelne Gast ein Geschenk Gottes."

Der andere nickt, er weiß, wovon die Rede ist. Seit vier Generationen macht seine Familie hier jedes Jahr Ferien, sie reisen von Jerusalem an. In den 1980er Jahren gab es noch sechs koschere Hotels in den Schweizer Alpen, doch nach und nach haben fast alle den Kampf um die jüdischen Gäste verloren: das Silberhorn in Grindelwald, das Edelweiß in St. Moritz, das Palace in Scuols. Heute ist das Metropol in Arosa das einzige, das noch übrig ist. Aber auch zu den Levins kommen von Jahr zu Jahr weniger Gäste.

Viele haben finanzielle Gründe. Sie entscheiden sich lieber für eine Ferienwohnung, seit einige Vermieter begonnen haben, sich auf die Wünsche jüdisch-orthodoxer Gäste einzustellen. Die Eigentümer schalten am Freitagabend etwa den Bewegungsmelder vor dem Haus aus, weil Juden am Sabbat keine elektrischen Geräte betätigen dürfen. In einer Wohnung können fünf Personen zu einem Preis übernachten, den im Metropol eine einzige bezahlt. Wenn die Wohnung in der Nähe des Hotels liegt, können die Urlauber trotzdem noch zum Essen, Beten und Freunde treffen dorthin gehen.

Die größere Bedrohung für das Metropol aber ist eine andere. Seit der schwache Euro manchen Touristen einen Bogen um die Schweiz machen lässt, stehen einige Hotels leer; nur hin und wieder werden sie für ein paar Wochen verpachtet, etwa an Pauschalreisen-Veranstalter. Seit einigen Jahren quartieren sich in der Hochsaison auch geschäftstüchtige Hoteliers aus Israel darin ein. Diese Kurzzeithoteliers müssen im Gegensatz zu den Levins weder Instandhaltungskosten für das Gebäude bezahlen noch Schweizer Sozialversicherungsbeiträge für die Angestellten oder teure Schweizer Lebensmittel. Alles, was sie brauchen, bringen sie aus dem Ausland mit, vom Suppenpulver über die Gebetsbücher bis zum Personal – und sogar die Gäste: Die Kurzzeithoteliers werben gezielt in Israel für ihr Angebot wie für ein Ferienlager.

Diese Entwicklung hat inzwischen auch die Levins erfasst: Die sechs Kinder der Familie reisen jeden Sommer aus London, Tel Aviv und Zürich an und quartieren sich in Davos im ehemaligen Sheraton ein, das heute Derby heißt. "The Levin Family invites you this Summer to join them for a High Class Kosher Holiday in the ****Derby Davos – Switzerland", steht auf der Homepage. Das Haus hat 200 Betten, mehr als doppelt so viele wie das Metropol, und einen Pool. In Arosa gibt es nur ein öffentliches Bad.

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Beinas Levin war es, der Vater des heutigen Hotelbesitzers, der die jüdischen Gäste ursprünglich nach Arosa holte. Anfang der 1930er Jahre kam er von Russland nach Davos, weil er an Tuberkulose litt und die Kurorte in den Bündner Bergen für ihre heilende Wirkung weltbekannt waren. Von der Krankheit kuriert, zog er weiter nach Arosa und eröffnete das erste und einzige koschere Hotel im Ort. "Auf sanfter Höhe (...) steht das Hotel Metropol, das seit einigen Jahren in bestimmten Sommer- und Wintermonaten Treffpunkt jüdischer Menschen ist, die sich in die Berge flüchten, wo sie am schönsten sind und wo die Schneedecke noch blendend leuchtet, wenn unten bereits die Alpenrosen blühen", schrieb die Zeitschrift Israelit im Jahr 1935. Neben der Faszination, die die Bergwelt auf viele Städter ausübt, haben die Alpen für Juden traditionell eine besondere Bedeutung: Der Fels steht in der Thora bildhaft für Gott, Gipfel symbolisieren die Berührung von Irdischem und Göttlichem. Vom Begründer der jüdischen Neoorthodoxie Samson Raphael Hirsch ist der Satz überliefert: "Wenn ich vor Gott stehen werde, wird der Ewige mich fragen: Hast du meine Alpen gesehen?"

Als Beinas Levin das Metropol in den 1980er Jahren seinem Sohn übergab, hatte das Hotel schon manch dunkle Zeit überstanden. In den Jahren des Nationalsozialismus machten auch viele Nazis Urlaub in den Schweizer Alpen – die Stimmung zwischen den Gästen war nicht zum Besten. Später wurden die jüdischen Urlauber ebenfalls nicht immer herzlich empfangen. Manche Leute, denen die vielen frommen Juden nicht passten, nannten das Hotel abschätzig "Arosalem".