Hebron ist für Juden und Muslime ein heiliger Ort. Die Gräber von Abraham, Isaak und Jakob, Sara, Rebekka und Lea werden seit biblischer Zeit hier verehrt. Für diese Stadt, einen der am längsten ununterbrochen bewohnten Flecken der Erde, ist das Heilige immer wieder zum Fluch geworden. Weil Abraham auch im Islam als Urvater und erster Prophet gilt, tobt ein jahrhundertelanger Kampf um die Erinnerung, der immer wieder zu Pogromen und Massakern geführt hat. 1929 fielen 67 Juden einem Massenmord zum Opfer, 1994 erschoss der Siedler Baruch Goldstein 29 betende Muslime. In Hebron ist der Nahostkonflikt wie unter einem Brennglas zu beobachten.

Einige jüdische Siedlungen, das ist das Besondere, liegen in der früher arabisch dominierten Altstadt Hebrons. Die Siedlerbewegung hat hier angefangen. Nach Israels Sieg im Sechstagekrieg von 1967 wurde Hebron als Teil des Westjordanlands von israelischen Truppen besetzt. Bald begannen National-Religiöse, im Zentrum der Stadt Häuser zu besetzen. Eine Gruppe um den Rabbiner Mosche Lewinger mietete sich in einem Hotel für eine Pessach-Feier ein und blieb. Die Armee rückte an, um die Siedler abzusichern. So ging es immer wieder in Hebron: Checkpoints wurden errichtet, Straßen gesperrt. Die palästinensische Bevölkerung verließ infolgedessen das Zentrum zu Tausenden, und Hebron wurde durch den Oslo-Vertrag von 1994 eine geteilte Stadt: In "H1" sind die Palästinenser für die Sicherheit verantwortlich, in "H2" – dem alten Stadtkern – die Israelis. Allerdings versuchten die Siedler immer wieder, in palästinensisches Territorium vorzudringen.

Jehuda wurde Zeuge einer solchen Aktion. Eines Tages zu Beginn von Jehudas Dienstzeit hatte sich eine Gruppe jüdischer Siedlerfrauen mit ihren Kindern nach Abu Sneina aufgemacht, einem arabischen Stadtteil Hebrons. Das war lebensgefährlich. Aus diesem Quartier heraus war einige Wochen zuvor ein zehn Monate altes israelisches Baby von einem arabischen Heckenschützen erschossen worden. Es wimmelte in Abu Sneina von Militanten.

Die Siedlerfrauen wollten in dem arabischen Viertel einen Stützpunkt errichten. Die Armee, so ihr Kalkül, musste ihnen folgen, um sie zu schützen. Wenn es ihnen gelänge, sich festzusetzen, wäre ein weiteres Stück biblischen Bodens befreit. Es wurde Alarm ausgelöst, und Jehudas Kampfgruppe bekam den Auftrag, die Frauen aus Abu Sneina herauszuholen und in die sichere Zone zurückzugeleiten. Nach Abschluss der Aktion bildeten die Soldaten einen Ring um die Siedlung, um die Frauen daran zu hindern, wieder loszuziehen. "Da ging das Geschrei los", erinnert er sich: "Ihr seid Nazi-Soldaten, die Juden ins Ghetto einsperren! Hey, Nazi, hier ist eine Schwangere. Schlag sie doch, dann wird sie eine Fehlgeburt haben, und es gibt einen Juden weniger!"

Von anderen Juden, für die man gerade sein Leben riskiert hatte, Nazi genannt zu werden war ein Schock. Die Armee war in Hebron, um Juden vor Arabern zu beschützen. Aber hier musste man oft genug die Araber vor den Juden schützen – und Hebrons Juden vor sich selbst.

Jehuda stammt selbst aus einer ultraorthodoxen Familie. Er hat sich aus dieser Welt gelöst, betrachtet sich aber weiter als gläubig, ernährt sich koscher und hält den Sabbat ein. Seine Entscheidung, zur Armee zu gehen – statt, wie es damals gesetzlich erlaubt war , als Ultraorthodoxer vom Privileg der Befreiung vom Wehrdienst Gebrauch zu machen –, fiel gegen den Willen der Familie: "Ich sah es als patriotische Pflicht."

Für die Siedler Hebrons, musste er erkennen, war er als Soldat nur ein Mittel zum Zweck in ihrem Kampf um den heiligen Boden. Doch um diese Menschen zu schützen, hat er Dinge getan, die er sich vor Hebron nicht hätte vorstellen können.

Einer seiner ersten Einsätze bestand darin, aus einem Posten hoch über der Stadt ein Granatmaschinengewehr zu bedienen. Aus dem arabischen Viertel waren immer wieder die Siedlungen beschossen worden. Also wurde befohlen, zurückzuschießen: "Es ist unmöglich, mit einem Granatmaschinengewehr präzise zu treffen. In einem 15-Meter-Radius vom Zielpunkt tötet es alles. Jetzt sollte ich diese Waffe in einer dicht besiedelten Stadt abfeuern. Ich habe geschossen und gebetet, dass ich keine Unschuldigen treffe." Die ersten Tage waren schrecklich, aber bald gewöhnte er sich daran: "Nach einer Weile war es dann die Attraktion des Tages, wenn man endlich zurückschießen konnte."

Doch irgendwann begann Jehuda mit dem Gedanken der nachträglichen Dienstverweigerung zu spielen, was eine Gefängnisstrafe zur Folge gehabt hätte. Er hat es nach einem Gespräch mit seinem Kommandeur nicht getan, sondern sich sogar zum Offizierskurs angemeldet. Gerade Leute wie er müssten dabeibleiben, wurde ihm gesagt. Er könne Dinge verändern und Exzesse verhindern. Heute hält er das für eine Lebenslüge: "Nicht individuelles Fehlverhalten war das Problem, sondern das System der Besatzung."

Wie Jehuda haben auch Dana und die anderen von Breaking the Silence ihren Dienst ordnungsgemäß beendet. Es herrschte schließlich ein Krieg, in dem der Gegner barbarische Methoden anwandte: Selbstmordanschläge auf Cafés und Reisebusse in Israel waren damals Alltag.

Erst nachdem sie aus der Armee entlassen waren, setzte das Erschrecken über die eigene Verrohung ein. Jahre später noch stehen viele der Soldaten wie neben sich.