Scheele: Ich war seit 1995 Chefarzt in einem Perinatalzentrum Level 1, also einer Geburtshilfe, die auf höchste Risiken ausgelegt ist. Die Geschäftsleitung wollte offene Schichten mit Honorarärzten besetzen; das sind Ärzte, die keine festen Verträge haben und kurzfristig einspringen. Es wurde dann eine Kollegin engagiert, die noch nie bei uns gearbeitet hat. Sie müssen sich vorstellen: Da kommt eine Ärztin in eine Nachtschicht, die total alleine ist, sich nicht auskennt und die dann in einer Risikogeburtshilfe vor Ort die Entscheiderin sein soll. Daraufhin habe ich protestiert, weil ich der Meinung war, dass ich damit meine Patienten gefährde. Abgesehen davon gibt es Leitlinien, in denen eindeutig steht, dass ein Chefarzt einen Facharzt nicht einsetzen darf, ohne zu überprüfen, ob dieser Mensch das auch kann. Deshalb habe ich eine zweiwöchige Einarbeitungszeit gefordert. Und da ist das passiert, was Sie nicht für möglich gehalten haben, Herr Wiesing: Der Klinikdirektor hat den Dienstplan angeordnet.

Wiesing: Wiesing: Das ist seine Aufgabe.

Scheele: Ja, aber aus fachlicher Sicht sage ich, der Dienstplan ist so nicht machbar, weil er Patienten gefährdet. Das ist meine Pflicht. Patienten sind wichtiger als Profit. Ich habe dann den Kreißsaal für diese Zeiten von der öffentlichen Notfallversorgung abgemeldet, worüber sich die Behörde bei der Klinikleitung beschwerte. Es kann nicht sein, dass der medizinische Sachverstand des Chefarztes vom Klinikdirektor überstimmt wird. Und wenn das so ist, muss der Chefarzt handeln. Über die Konsequenzen muss er sich allerdings im Klaren sein.

ZEIT: Was waren die Konsequenzen?

Scheele: Ich darf das juristisch nicht in einen Zusammenhang stellen, aber Arbeitgeber wissen ja, wie sie unliebsame Mitarbeiter mürbe kriegen. Solche Mitarbeiter haben eine schlechtere Verhandlungsposition bei der Stellenvergabe, der Ton in Verhandlungen wird feindselig, gleichzeitig wird einem vorgeworfen, nicht konstruktiv zu sein. Man verliert die ganze Arbeitsfreude. Das können Sie dann nur mit einem guten Anwalt und einem guten Coach überstehen. Irgendwann habe ich einer Vertragsauflösung zugestimmt.

Wiesing: Sind Sie sicher, dass bei Ihnen wirklich Patienten gefährdet gewesen wären?

Scheele: Ja. Wenn diese Kollegin uneingearbeitet auf einen Notfall getroffen wäre, dann wäre das schiefgegangen.

Wiesing: Vielleicht stellt sich dann die Klinikleitung eben stur und sagt: Wofür gibt es einen Facharzt-Titel?

Scheele: Natürlich kann eine Fachärztin eine einfache, normale Geburt betreuen, aber hier handelt es sich um Notfälle in einer Hochrisikogeburtshilfe, wo man innerhalb von Minuten die richtige Entscheidung treffen muss. Das kann nur, wer die Erfahrung hat. Wenn jemand die Örtlichkeiten nicht kennt, nicht weiß, wen er ansprechen muss, dann geht das nicht – so wie sich ein Flugkapitän ja auch nicht in ein ihm völlig fremdes Flugzeug setzt. Deshalb fordern die Leitlinien eine Einarbeitungszeit. Damit kommen wir aber an einen entscheidenden Punkt: Wer entscheidet, was rechtens ist? Da gibt es eine Arbeitsgemeinschaft für Medizinrecht, die stellt Leitlinien auf. Die sind rechtlich aber nicht bindend, sagte mir der Klinikdirektor, als ich mich darauf berief. Wenn jedoch etwas schiefgeht und Sie als Chefarzt vor Gericht landen, werden Sie an den Leitlinien gemessen. Und dann können Sie auch nicht argumentieren, dass die Geschäftsführung sich nicht daran halten wollte.

Wiesing: Sie können sich aber auf die Berufsordnung beziehen, in der explizit steht, dass ein Arzt sich nicht von Nichtärzten in seinen medizinischen Entscheidungen beeinflussen lassen darf.

ZEIT: Hat die Berufsordnung, hat das Genfer Gelöbnis, in dem Sie in feierlichen Worten versprechen, das Patientenwohl über alles zu stellen, denn noch eine Bedeutung? Oder ist das einfach ein Stück Papier, das im Alltag keine Rolle spielt? Berufsanfänger bekommen es ziemlich profan mit der Post zugeschickt...

Wiesing: Letztlich ist das Gelöbnis ja die Präambel der Berufsordnung. Ich glaube, dass beide den Ärzten starke Argumente für ihre Entscheidungen bieten und dass darin auch ein Arztethos ausgedrückt ist, das im Kern unumstritten ist. Ich glaube nicht, dass wir die Berufsordnung neu schreiben müssen. Wir müssen uns daran erinnern.

Brandenburg: Allerdings muss man auch ein Umfeld haben, in dem das möglich ist, ohne sofort Repressalien zu bekommen.

Scheele: Was mir in der Tat gefehlt hat, war die Solidarität der anderen Chefärzte.

Wiesing: Also, liebe Chefärzte: Habt Mut, euch des Berufsethos zu bedienen!

Brandenburg: Vergessen Sie es. Im Gegenteil, wir haben in der Ärzteschaft eine besonders ausgeprägte Kultur des Klappehaltens und Wegsehens.