Auf dem aufgeräumten Tisch liegen iPad und iPhone. In schöner Regelmäßigkeit summen die Geräte und melden diskret den Eingang neuer E-Mails oder Anrufe. Wir sind in einer Galerie , in einer jungen noch dazu. Ihr Name: Kraupa-Tuskany. Der knapp 30-jährige Amadeo Kraupa-Tuskany betreibt sie gemeinsam mit seiner Partnerin Nadine Zeidler, einer Kunsthistorikerin. Seit 2011 zeigt das Duo meist junge, oftmals internetaffine Kunst von Künstlern wie AIDS-3D oder Florian Auer an einer selbst für Berliner Verhältnisse eher ungewöhnlichen Adresse. Kraupa-Tuskany residiert in einem ehemaligen Serverraum im vierten Stock eines alten Ostberliner Bürogebäudes direkt am Alexanderplatz. Wer den Aufzug nimmt und den nüchternen Bürogang hinuntergeht, erwartet hier alles, nur keinen Ausstellungsraum: Die Nachbarn sind Import-Export-Geschäfte und Vertreterbüros. »Es war uns wichtig, in ein Bürogebäude zu gehen«, erklärt Ziegler. »Das hat etwas Ehrliches.«

Was treibt jemanden dazu, nach einem Boom-Jahrzehnt in den kriselnden Kunstmarkt einzusteigen? Was verkauft man da eigentlich und vor allem: wie? Nach Schätzungen gibt es etwa 400 Galerien in Berlin. Jedes Jahr schließen einige, dafür machen neue auf. Der Galerist ist der Zehnkämpfer des Kunstbetriebs: Er muss kalkulieren, verkaufen, spekulieren und dabei nicht nur die Kunstproduktion seiner Künstler, sondern auch die schwierigsten Sammler lange und geduldig begleiten. Den Besten gelingt es, ihre Künstler in strategisch wichtigen Ausstellungen zu platzieren und so möglichst geräuschlos für die Einordnung in kunsthistorische Zusammenhänge zu sorgen. Sprechen sie selbst über ihr Tun, dann klingt es ganz einfach. Er sehe sich als eine Art »Agent«, sagt Kraupa-Tuskany, als jemand, dem es darum gehe, »die Sachen an den Mann zu bringen, inhaltlich wie kommerziell«.

Ist es diese Mischung aus intellektuellem Glamour und der Sexiness unternehmerischer Risikobereitschaft, die den Galeristen gegenwärtig zur heimlichen Leitfigur des Betriebs macht? Langsam, aber sicher hat das Galerist-Sein den freien Kurator als begehrten Trendjob der Kunstwelt abgelöst. Colin de Land ist heute cooler als Harald Szeemann. Der 2003 verstorbene Betreiber der New Yorker Galerie American Fine Arts ist das role model all jener, die in ihrem Tun mehr als Kunsthändler sein möchten. De Land steht nicht für schnelles Geld und ein Jetset-Leben. Vielmehr steht er für Markt-Distanz innerhalb desselben sowie für ein integratives Verständnis der Galerie als eines Ortes, an dem man das, was Kunst genannt wird, in einer engen Interaktion zwischen Künstlern, Galeristen, Kritikern und Sammlern gemeinsam herstellt.

Der Grund für die anhaltende Attraktivität hängt also mit einem offeneren Begriff dessen zusammen, was eine Galerie gegenwärtig sein kann und muss. »Die Rollen im Kunstbetrieb mischen sich immer mehr, und eine Galerie ist ein sehr flexibles Format«, sagt Zeidler, die vor ihrem Einstieg in die Galerie als Kuratorin tätig war. In einer Landschaft zwischen notorisch unterfinanzierten und wenig risikobereiten Kunstinstitutionen stellt der Weg ins selbstständige (und nicht selten selbstausbeuterische) Unternehmertum oft die einzige Möglichkeit dar, einer neuen, eigenen Kunst zum Durchbruch zu verhelfen. Nicht wenige Idealisten haben deswegen inzwischen die Seiten gewechselt. »Wer früher Kurator oder Ausstellungsmacher war, ist heute Galerist«, sagt auch Waling Boers, der in der zweiten Hälfte der neunziger Jahre den bekannten Berliner Projektraum Büro Friedrich betrieb und seit 2005 zusammen mit seinem Partner Pi Li die international erfolgreiche Galerie Boers-Li in Peking führt. Boers hatte es irgendwann satt, bei lokalen Verwaltungen um Geld für seinen Projektraum zu betteln. Die Arbeit als Galerist bedeutet für ihn finanzielle Unabhängigkeit: »Schwierige Kunst zu popularisieren – das machen die Galerien heute besser.«

Wie Boers haben die meisten seiner Kollegen ein Vorleben im Betrieb. In Galerien oder Museen haben sie das Handwerk gelernt und Kontakte geknüpft. »Ein gutes Adressbuch ist schon wichtig«, sagt Christine Heidemann, die in Berlin seit 2009 ihre Galerie Reception betreibt. Zuvor war die promovierte Kunsthistorikerin als freie Kuratorin tätig und jobbte in Galerien. »Es hat mich irgendwann angestrengt, sich immer wieder an unterschiedliche Orten und Gegebenheiten anpassen zu müssen.« Sie sei eine »promovierte Galeristin«, sagt Heidemann und meint damit die geschmeidige Verbindung von Marktpräsenz und intellektuellem Anspruch.

Ohne finanzielles Backing – durch Kredite, Erbschaften oder häufig auch durch stille Teilhaber – geht es gerade für junge Galerien nicht. Um am Markt durchzuhalten, braucht man Startkapital. Und das nicht zu knapp. Ausstellungs- und Lagerräume müssen gemietet werden, Computer angeschafft werden; Sammleressen müssen veranstaltet, Produktionskosten vorfinanziert werden. Vor allem aber schlagen die kostspieligen Messebeteiligungen zu Buche. »Auf Messen zu gehen ist extrem wichtig, um ernst genommen zu werden, auch in ökonomischer Hinsicht«, berichtet Heidemann. Eine verhältnismäßig junge und kleine Verkaufsveranstaltung wie die gerade zu Ende gegangene Berliner ABC ist mit 4.000 Euro Teilnahmegebühr je ausgestelltem Künstler verhältnismäßig günstig. Für die Teilnahme auf großen Messen wie der Art Basel muss man gut und gern das Zehnfache investieren – wenn man eine der begehrten Zulassungen bekommt. Gerade in der notorisch klammen Stadt Berlin verspricht die Kombination aus Messeteilnahme und Verkäufen über das Internet den Erfolg: Kontakte knüpft man persönlich, dann schickt man ein Angebot via E-Mail hinterher. Im besten Fall beginnen danach die Geräte zu summen. »Wir haben schon in viele Städte verkauft«, sagt Kraupa-Tuskany, »aber nach Berlin bislang noch nichts.«