Es ist die Kunstmesse der Superlative. Für die Sammler der eleganteste Ort weltweit, um sich im großen Stil Kunst und Antiquitäten anzueignen. Für die ausstellenden Händler die teuerste Messe von allen. Und die Besucher kommen zu Zehntausenden. Die Biennale des Antiquaires ist ein super Markt. Seit vergangenem Donnerstag und bis kommenden Sonntag ist er wieder geöffnet: Unter der monumentalen Glaskuppel des Grand Palais präsentieren sich diesmal 121 Galerien – gut dreißig Aussteller mehr als im Jahr zuvor. Kein Geringerer als Karl Lagerfeld hat diesmal das Bühnenbild für die Kunstmesse entworfen, sie sollte einfach noch schöner werden. In der Mitte der Halle schwebt nun ein großer, blau-weiß gestreifter Heißluftballon samt Gondel. Für die Galeristen baute Lagerfeld eine Fassadenkulisse, die mit dem grauen Pflasterstrandteppich und den aus Draht geformten Pseudogaslaternen an das Paris um 1900 erinnern soll – aber leider eher wie ein historisierendes Outletcenter anmutet.

Wäre da nicht die angebotene Ware: Die Galerie Krugier aus Genf hat ein Gemälde von Cézanne mitgebracht, ein Bild mit Früchten, einer Tasse und einem nicht einmal zur Hälfte gefüllten Glas – für eine zweistellige Millionen-Euro-Summe. Rund 35 Millionen Dollar soll eine von Andy Warhols Liz-Taylor-Porträts auf dem Stand von L&M Arts (New York, Los Angeles) kosten. Und die Galerie De Jonckheere aus Paris, Brüssel und Genf hat ein von Lucas Cranach d. Ä. gemaltes Porträt des dänischen Königs Christian II. für 900.000 Euro im Angebot, dazu ein erstaunliches, protosurrealistisches Stillleben aus dem Jahr 1659 mit Muscheln, Insekten und Blüten von Jan van Kessel für 750.000 Euro sowie eine Ernte von Pieter Brueghel d. J. für fünf Millionen Euro.

Die Preise verraten es, diese Messe ist eine Feier des Luxus, sie bietet ein Panoptikum des Reichen-Geschmacks, und somit auch einen Ort für Studien, für eine Feldforschung zu den Geschmacksvarianten innerhalb der Internationale der Superreichen. Juweliere wie Bulgari, Cartier oder Wallace Chan aus Hongkong zeigen ihre neuesten Prunkstücke: Uhren, über und über mit Brillanten bepflastert, Zikaden aus Jade und Gold geformt oder Kristalllöwen, mit der Pranke theatralisch nach Diamantensternen greifend. Auffallend viele Asiaten stehen am Eröffnungstag Schlange vor diesen glitzernden Schaustücken.

Etwas entspannter ging es nebenan in dem dämmrigen Raum der Librairie Thomas-Scheller zu, wo es eine Rarität ganz anderer Art gibt: die erste Karte Kanadas, Teil der Erstausgabe von Samuel de Champlains Reiseberichten ins "Neue Frankreich" (650.000 Euro). Dezent ist die Stimmung auch bei dem auf japanische Rüstungen spezialisierten Händler Charbonnier, der einen besonders spektakulären Helm ausstellte, einen Kawari Kabuto aus der Momoyama-Zeit (1573 bis 1603). Wie eine modern-abstrakte Skulptur mutet dieser Kopfschutz an: Über dem noch recht traditionell gestalteten, schwarzbraunen Eisenhelm ragt etwas auf, das eine komplizierte Faltung einer aufgerollten Seidenrolle darstellen soll. Wer hat diesen wunderbaren Helm getragen? War er ein Zierstück? Oder Teil einer Taktik, den Gegner im Kampf zu irritieren? Hyperrealistisch dagegen die schnauzbärtigen Masken aus der Edo-Zeit oder der Koi, ein Karpfen, aus fein gearbeiteten Eisenteilen zusammengesetzt (alle Preise auf Anfrage).

So wie man die verschiedenen Typen von Reichen an ihren Schuhen (Pferdeleder handgenäht, Gucci oder Turnschuh) erkennen kann, so kann man die Antiquitätenhändler auf dieser Messe nach ihrem Fußbodenbelag einordnen. Die Händler kennen ihre jeweilige Klientel, und so inszenieren sie auch ihre Ware in der passenden Atmosphäre: Steinitz aus Paris präsentiert Kommoden aus dem 18. Jahrhundert ausschließlich auf original alten Parkett- und Steinböden, die umständlich ins Grand Palais transportiert wurden. Cheska Vallois zeigt ihre Art-déco-Möbel auf einem Teppich aus ebender Zeit. Und die auf schwülstige Orientalismen, auf Harems- und Basarszenen aus dem 19. Jahrhundert spezialisierte Galerie Ary Jan hat einen Stahlblechboden mit arabischem Ornament auslegen lassen. Auf dem darf zur Authentisierung der Atmosphäre sogar ein Brunnen plätschern, es fehlt nur der Ruf des Muezzin.

Aber nicht nur die feinen Unterschiede der herrschenden Geschmäcker lassen sich auf dieser Biennale studieren, man erfährt hier auch viel über den Zustand des internationalen Kunstmarkts. Etwa, dass einige internationale Kunsthändler derzeit angeblich die superteuren, extrem seltenen Stücke lieber direkt zu ihren besten Kunden nach Katar, Abu Dhabi oder China bringen, statt sie auf einer Messe der breiteren Sammlerschar zu präsentieren. So mancher wählerische Supersammler, heißt es, kaufe Kunstwerke im Dutzende-Millionen-Euro-Bereich heute nur noch dann, wenn er das Recht des ersten Blicks habe und das Geschäft fernab der Öffentlichkeit einer Messe oder eines Auktionssaals abgewickelt werde – obwohl die Händler und Auktionatoren doch so gern mit ihren Kostbarkeiten werben.

Vielleicht ist das der Grund dafür, dass im Vergleich zum vergangenen Jahr weniger Meisterstücke auf dieser Biennale zu sehen sind. Womöglich erklärt sich der Mangel aber auch einfach dadurch, dass diesmal die französischen Händler auf der Biennale weitgehend unter sich bleiben, und trotz der stark gestiegenen Anzahl an Ausstellern mehrere bedeutende Kunsthändler aus dem Ausland nicht mehr gekommen sind. Aus Deutschland etwa ist nur der Münchner Händler Dr. Riedl angereist.

Die geminderte Kauflust, von der mehrere Händler berichteten, mag hingegen ein Indiz für die gegenwärtige Stimmung bei der französischen Oberschicht sein. Vielleicht trauen sich die dortigen Vermögenden derzeit einfach nicht, hemmungslos zu shoppen – sei es wegen des neuen, ihnen nicht mehr ganz so gewogenen Präsidenten Hollande oder aus Angst vor einem Euro-Crash. Der von Lagerfeld installierte Heißluftballon jedenfalls blieb auch am dritten Tag der Messe stets einige Meter über dem Boden hängen und gab so ein schönes Bild für diese Ausgabe der elegantesten Kunstmesse der Welt. Er wollte und konnte einfach nicht in den Himmel aufsteigen.