Das hat der Westen, denken jetzt viele, von der Befreiung der Muslime: Ein lächerlicher Film über ihren Propheten genügt, um sie Botschaften in Brand stecken und Unschuldige lynchen zu lassen. Ausgerechnet in Libyen, in Bengasi, der Wiege der Anti-Gaddafi-Revolution, kam der amerikanische Botschafter bei einem Angriff von Islamisten ums Leben. Sichtlich geschockt, fragte Hillary Clinton: "Wie konnte das in einem Land passieren, das wir geholfen haben zu befreien, in einer Stadt, die wir von der Zerstörung bewahrt haben?" Warum sind sie so undankbar? Sind die arabischen Revolutionen gescheitert, die Hoffnungen auf sie widerlegt?

Auch im Sudan brannte eine Botschaft, die deutsche. Das allerdings konnte mit dem Arabischen Frühling nichts zu tun haben – im Sudan gab es gar keine Freiheitsbewegung. Die Ursache für die Attacke war auch nicht das Mohammed-Video. Hinter dem Aufruhr, das lässt sich mittlerweile rekonstruieren, standen hier ganz andere, viel politischere Motive. Man muss also genau hinsehen. Und daran fehlt es oft. Der westliche Blick auf die arabische Welt ist offenbar noch immer getrübt von einer altklugen Überheblichkeit – und vom Interesse vieler Medien an einer eingängigen Story.

Je sorgfältiger man die einzelnen Schauplätze der Ausschreitungen untersucht, desto falscher erweist sich die Vorstellung von einer weiten Wüstenfläche voller zorniger Menschen, die nur darauf warten, dass jemand ihre Religion beleidigt. "Sie", die gewalttätigen Akteure dieser Tage, sind viel eher die Verlierer der Emanzipationswelle. Viel spricht dafür, dass die Botschaftserstürmungen und Brandstiftungen von Bengasi bis Jakarta kein Ausdruck der neuer Freiheit sind, sondern im Gegenteil Ansichtskarten aus einer Vergangenheit der Diktatur und der Entmündigung.

Beginnen wir in Libyen. Das Land ist nach dem Sturz des Gaddafi-Regimes keineswegs in die Hände von islamistischen Eiferern gefallen. Bei den Parlamentswahlen im Juli gewannen die Muslimbrüder nur 17 von 80 Sitzen. Die islamistische Partei von Abdel Hakim Belhadsch, den westliche Diplomaten zuvor als echte Gefahr beschrieben hatten, errang nicht ein einziges Mandat. Der neue Premierminister des Landes ist ein säkular denkender Ingenieur, der als Akademiker in den Vereinigten Staaten Karriere gemacht hat und nach seiner Wahl zuerst versprach, zupackender als bisher die Zigtausenden Waffen einsammeln zu lassen, die seit dem Bürgerkrieg im Land verteilt sind.

Es gibt noch immer mächtige Milizen und verfeindete Clans im Land – doch ob es überhaupt Libyer waren, die den Anschlag auf das US-Konsulat in Bengasi verübten, ist keineswegs sicher. Die Amerikaner gehen davon aus, dass es Mitglieder des Al-Kaida-Zweigs Omar-Abdul-Rahman-Brigade waren, die am Jahrestag des 11. September mit Schnellfeuergewehren und Granaten die US-Vertretung sturmreif schossen. Nur einen Tag zuvor hatte der Al-Kaida-Chef Aiman al-Sawahiri in einer Videobotschaft regelrecht den Befehl dazu erteilt. Im Juni war sein libyscher Stellvertreter im Jemen von einer amerikanischen Drohne getötet worden; Sawahiri rief dazu auf, ihn zu rächen, und zwar am besten durch Angriffe auf Amerikaner in Libyen. Nach dem Tod des Botschafters versammelten sich viele Bürger spontan zu einer Sympathiekundgebung in Bengasi. "Nein zu Al-Kaida, Nein zum Terrorismus", stand auf dem Plakat, das ein kleiner Junge trug. Und: "Sorry, Amerika. Das ist nicht das Verhalten des Islam und des Propheten!"

Natürlich ist die Wut über das Schundvideo eines amerikanischen Islamhassers echt und weitverbreitet. Aber es gibt einen Unterschied zu ähnlichen Krisen, etwa zu der um die dänischen Mohammed-Karikaturen 2006. Gerade jene Muslime, die sich in den vergangenen Jahren Emanzipation und Bürgerrechte erkämpft haben, wollen nicht wieder in die Falle tappen, die ihnen, so glauben sie, bestimmte Akteure stellen.

Vor allem in Ägypten wurde noch nie so viel diskutiert, kritisiert und die Frage gestellt, warum gerade jetzt eine solche Empörung aufbrandet. Der bekannte Journalist Hani Shukrallah schrieb in einem Kommentar für die Zeitung Al-Ahram Weekly: "Was die Salafisten, Dschihadisten und Co. angeht, war der Film wohl die Antwort auf viele Gebete: Nicht nur geben ihnen die Proteste die Möglichkeit, gegen die Werte der Revolutionäre zu agitieren, die aus ihrer Sicht atheistisch und aus dem Westen importiert sind. Mit den Protesten bahnen sie sich auch den Weg zurück auf die politische Bühne."