Liebe Unentschiedene! Sie sind hier, nehme ich an, weil Sie etwas über das Entscheiden lernen möchten. Ich zum Beispiel habe entschieden, die fünf Minuten Redezeit nicht zu respektieren. Ich habe überdies entschieden, hier nicht von der Ausstellung zu reden. Weder zu loben noch zu danken. Ich sagte mir, ich rede von mir. Es ist meine letzte Vernissage-Rede als Pro-Helvetia-Direktor. Sie sollen wissen, warum.

Solche Entscheide rühren Sie nicht? Sie haben recht. Kleine Entscheide wie diese gleichen Spielereien. Das Publikum erwartet eine freundliche Vernissagerede, ich will es enttäuschen, und es findet wohlwollend, eine Anti-Vernissage-Rede sei eine bessere Vernissagerede, da ungewohnt. Und wenn sie misslingt, werden Sie denken: lieber schräg misslungen als geradeaus gelangweilt. Ich kann also nur gewinnen. Nein, meine Entscheide sind nicht sonderlich mutig.

Solches lohnt das Reden nicht. Fünf Minuten oder zehn, schwarze oder blaue Socken, Malediven oder Madagaskar, Buchhandel oder Börsenhandel, der Supermarkt des Lebens – was soll ich dazu sagen? Machen Sie, wählen Sie, entscheiden Sie, mir ist alles recht. Solange es Sie allein betrifft – easy!

Etwas anderes sind Entscheide, die andere betreffen. Deshalb will ich Ihnen den Beweggrund meines letzten großen Entscheids erläutern: Pro Helvetia zu verlassen. Sie müssen wissen, dass ich zu jenen Menschen gehöre, die gerne entscheiden. Entscheide geben der Welt Impulse, greifen ein in das Leben anderer. Ich gestehe, dieses bisschen Einfluss verleiht ein gutes Gefühl. Nicht nur Objekt der Welt und ihrer Politik zu sein, sondern ein wenig Subjekt. Es sind politische Entscheide, und sie stehen nicht im Supermarkt. Meine Partnerin sagte jüngst, ich würde entscheiden wie andere ein Hemd tragen. Ganz selbstverständlich, ohne es zu merken. Sie meinte: Nur so ist man erfolgreich. Schön gesagt! Übersehen hat sie, dass man so aus der Zeit herausfällt. Als entscheidfreudiger Beamter wird man zum Solitär und bald zum Kuriosum. Denn das Entscheiden ist nicht mehr in. In ist das Reglement.

Entscheiden heißt Verantwortung übernehmen. Es heißt, gestalten und hinstehen für das Ergebnis, sich der Kritik der Betroffenen und der Verlierer aussetzen. Das fällt schwer. Es heißt, mit öffentlichem Liebesentzug leben müssen. Das fällt noch schwerer. Solche Taucher stören die Arbeitsabläufe, sie sind eine Attacke auf das Wohlbefinden. Das geht nicht, Wohlbefinden ist ein Menschenrecht.

Also entwickelt die Verwaltung Regeln für einen und jeden Fall. Die Mechanik der Fallbearbeitung wird immer feiner. Und da die Wirklichkeit unüberschaubar ist und nie stillsteht, mehren sich Reglemente und Verordnungen. Sie verknüpfen Fragen mit Antworten, Fälle mit Maßnahmen. Der Beamte muss keine Güter mehr abwägen, muss sich weder für Menschlichkeit noch für nationales Wohl, weder für Moderne noch für Tradition, weder für Laien noch für Profis entscheiden, er muss nur vollziehen. Unterschied man früher den Geist vom Buchstaben des Gesetzes, so findet sich in den komplexen Strukturen heutiger Rechtstexte kein Raum mehr für Geist. Sie sind Betriebsanleitungen für Funktionäre. Ein Supermarkt der Paragraphen.

Die Spielräume schrumpfen – das ist die Folge der zunehmenden Administrierung von Kultur. Sie wiederum ist das Ergebnis eines postmodernen Gerechtigkeitssinnes, der Reibungen und Divergenzen meidet. Die jüngste Erweiterung ist der nationale Kulturdialog, an dem unserem Kulturminister Alain Berset so viel liegt. Eidgenössische Kulturpolitik wird jetzt von Städten, Kantonen, Bundesstellen und Künstlerorganisationen gemeinsam betrieben. Alle reden mit allen. Es gibt Konferenzen, Hearings, Arbeitsgruppen, Stäbe, Protokolle. Doch wehe, jemand hat eine Idee!

Es geht hier nicht um ein besonderes Kulturförderungs-Pro-Helvetia-Problem. Ich rede von einer Zeiterscheinung – immer für alle ein wenig. Ich bin, das ist mein Entscheid, nicht Atlas, der dieses Gebirge stemmt. Eher gehöre ich zu einer anderen Zeit. Ich habe die aufwendigen Verfahren der Verwaltung nie gemocht und deshalb öfters nicht respektiert. Nicht nur aus charaktergegebener Ungeduld, sondern aus dem Wissen, dass Verwässerung einer Sache nicht guttut. Wozu sonst braucht Pro Helvetia einen Direktor, wenn nicht, um zu beweisen, dass dicke Haut ein wichtiger Produktivitätsfaktor ist? Dass Ausdauer unter kritischen Bedingungen zum Erfolg führt? Dass Irrtum ein Teil des Geschäftes ist? Dass Unterstützung um der Ruhe willen ein Betrug an der Kunst ist?

Ich bin öfters auf die Nase gefallen. Darüber bin ich glücklich. Im politischen und sozialen Kontext heißt entscheiden, unglaubliche Erfahrungen zu machen. Wer Risiken in Kauf nimmt, erfährt Ausschluss und Umarmung. Er läuft gegen die Wand. Oder durch Türen, von deren Existenz er nichts wusste. Manchmal reicht der Wille allein, damit sie sich öffnen.

So viel gehört zu Entscheiden, die andere betreffen. Deshalb wünsche ich mir, um die geförderte Kunst vor der endgültigen Verwaltung zu retten, eine neue Kultur der Verantwortung für Mitarbeiter und Experten zurück. Eine Kultur des Augenmaßes statt der Reglemente, der Werte statt der Verfahren, der Freiräume statt der Raster. Solches impliziert eine, o Schreck der milden Zeit, gesunde Willkür. Es ruft überdies nach einem gerüttelt Maß an Toleranz und Großzügigkeit.

Ohne Ermutigung von oben gelangen wir nicht dahin. Ich nenne das die nobelste Aufgabe von Führungskräften: den Mitarbeitern den Rücken freizuhalten. Deshalb wünsche ich mir von der Ausstellung Entscheiden, dass sie allen Entscheidscheuen Mut mache! Und allen Chefs, Direktorinnen und Regierungsräten die Augen öffne für die Notwendigkeit, ihre Untergebenen entscheiden zu lassen. Kontrolle ist gut, Korrektheit ist wichtig, Zuhören auch, Werte, Visionen und Verantwortung sind wichtiger. Menschen, die einen Unterschied machen. Davon lebt die Demokratie. Es ist, was ich Kultur nenne.

Ich wünsche der Ausstellung mit Entschiedenheit großen Erfolg!