ZEITmagazin: Frau Schwan , was haben Sie aus Ihren zwei vergeblichen Kandidaturen für das Amt der Bundespräsidentin gelernt?

Gesine Schwan: Das politische Leben ist wölfisch, man darf nicht zu vertrauensselig sein. Meine Gegner haben mich als einsame, ehrgeizige Ziege, als professoral und abgehoben beschrieben. Das sind unschöne Bezeichnungen. Viele konnten mir überhaupt nicht abnehmen, dass ich wirklich um der Demokratie willen kandidiert habe. Ich galt als Einzelkämpferin, auch weil die SPD-Spitze nicht geschlossen hinter mir stand. Um den Menschen prinzipiell zu vertrauen, muss man stark genug sein, auch solche Enttäuschungen zu verkraften. Wenn ich mich im Übrigen sehr über eine Person ärgere, sage ich mir: Ist auch ein Gotteskind, damit musst du umgehen. Dann werde ich gelassener. Ich habe aber während der Kandidatur auch überaus viel Zuwendung erlebt, viele Menschen auf der Straße bedanken sich noch heute, obwohl sie gar keinen Anlass haben, mir irgendwas ums Maul zu schmieren. Und in der SPD gab es natürlich auch große Unterstützung.

ZEITmagazin: Wie haben Sie die Niederlagen weggesteckt?

Schwan: Das Gefühl zu verlieren kannte ich aus schwierigeren Situationen, vor allem von der Krebskrankheit meines ersten Mannes, und insofern wusste ich: Das wirft dich nicht aus der Bahn. Der Tod eines nahestehenden Menschen nach drei Jahren Krankheit ist ja viel gravierender. Überdies weckt er fast immer Schuldgefühle, die man nicht steuern kann.

ZEITmagazin: Warum Schuldgefühle?

Schwan: Ich war einige Monate vor dem Tod meines Mannes in eine emotionale Distanz zu ihm geraten und habe das als einen Akt der Untreue erlebt. Nachdem ich wie eine Löwin um sein Überleben gekämpft hatte, war ich erschrocken über meine innere Unzuverlässigkeit, dabei ist Verlässlichkeit für mich ein ganz hoher Wert. Das hat mich in große Verzweiflung gestürzt. Ich konnte rein gar nichts Positives mehr sehen, alles war schwarz. Eigentlich wollte ich nur weg sein, nicht mehr leben, war ausgebrannt. Ich habe gebetet, aber gedacht, dieser Gott liebt nicht. Nach außen habe ich funktioniert, kein Mensch wäre darauf gekommen, dass ich depressiv bin, ich war Dekanin, erfolgreich, alles toll. Zu Hause habe ich geheult. Mein Sohn war damals 14 Jahre, meine Tochter zwölf. Sie spürten das natürlich, auch wenn ich nie vor ihnen weinte. Ich muss ganz klar sagen: Der Glaube alleine hätte mir nicht geholfen. Das ist mir schon wichtig, weil die Gesellschaft nach wie vor psychische Erkrankungen als Schwäche interpretiert. Man braucht professionelle Hilfe von außen. Die Verbindung von Glaube und Psychoanalyse hat mich gerettet.


"Ich bin persönlich konfliktfähiger geworden"

ZEITmagazin: Hatten Sie Angst, so krank zu werden wie Ihre Mutter?

Schwan: Ja, das war meine Sorge. Meine Mutter war manisch-depressiv. Meine Gefühle hatten sich mit einer ganzen Reihe von anderen Problemen verknotet. Ich wollte zum Beispiel nie sehen, dass mir Menschen wehtaten, die ich lieb hatte. Man blendet das aus, und dann entsteht eine negative Hypothek, die selbstzerstörerisch werden kann. Diesen psychologischen Zusammenhang kann man nicht durch den Glauben oder durch das Lesen von Psalmen begreifen. Da spielt sich etwas ab, was man erfühlen muss. Bei der Erinnerung daran habe ich körperlich reagiert: gezittert, geweint, völlig spontan. Der Heilungsweg war für mich insgesamt aber ein schöner Weg, ich habe nie gelitten in der Analyse.

ZEITmagazin: Wie haben Sie sich verändert?

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Schwan: Ich bin persönlich konfliktfähiger geworden. Als Kind hatte ich in meiner Familie die Rolle der Versöhnerin. Ich hatte immer Angst, dass alles auseinanderfliegt. Wir hatten ein Boot, und sonnabends segelten wir manchmal auf dem Tegeler See, sangen viel, auch mehrstimmig, das machte mir Freude. Aber wenn vier temperamentvolle Familienmitglieder ein Wochenende auf einem Boot verbringen, führt das fast immer zu Krach. Also habe ich, wenn es mulmig wurde, das Liederbuch auf den Schoß genommen und gesungen, alle sollten einstimmen und aufhören zu streiten, weil ich darunter sehr gelitten habe. Bis heute ist mir das Glück meiner Familie sehr wichtig. Das nächste Gala-Dinner und noch eine Auszeichnung bedeuten mir nicht so viel.

ZEITmagazin: Ihr Gottvertrauen ist geblieben?

Schwan: Es gibt auch Zweifel, aber wenn ich die Summe meines Lebens nehme, bin ich darin eher bestärkt worden. Auch in total harten Momenten wirst du getragen, du fällst nicht ins Nichts. Ich weiß, dass der Glaube, bei aller eigenen Bemühung, letztlich eine Gnade ist. In Momenten großer Bedrängnis kann man den lieben Gott schon anrufen, man sollte ihn nur nicht behelligen, wenn es einigermaßen gut geht. Aber danken darf man immer.