Mitt Romney ist Herausforderer von Barack Obama, außerdem ist er Mormone, mithin eine Art Christ. Trotzdem hat er, wie nun mittels versteckter Kamera bekannt wurde, ein radikal materialistisches Menschenbild. Romney hat nämlich im Kreise reicher Freunde erklärt, dass 47 Prozent der Amerikaner sowieso Obama wählten, weil 47 Prozent keine Steuern zahlten, folglich vom Staat abhängig seien und Obama als dem Mann des Staates ihre Stimme geben müssten. Es lohne sich für ihn, Romney, also nicht, sich um dieses sozialstaatsblöde Stimmvieh zu kümmern.

Nun wollen wir hier gar nicht auf der Frage herumreiten, ob nach dieser Logik Romneys reiche Freunde, die vermutlich auch keine Steuern zahlen, nicht gerade deshalb Romney wählen, damit sie auch in Zukunft keine Steuern zahlen müssen. Nein, es geht um etwas anderes: um die ebenso obszöne wie verbreitete wie falsche Auffassung, dass der Mensch strikt nach seinen ökonomischen Interessen handelt und auch wählt.

Man kennt all die Weisheiten: Erst kommt das Fressen, dann die Moral, das Sein bestimmt das Bewusstsein, mit Speck fängt man Mäuse. Tatsächlich stürzt der Mensch sich ins Unglück für die Liebe, oder er gibt sein Leben für die Freiheit, oder er verlässt Haus und Hof für den Glauben, oder er setzt seinen Familienfrieden aufs Spiel für die Fußballbundesliga.

So ist der Mensch.

Auch der amerikanische natürlich, auch der, der zu arm ist, um Steuern zu zahlen. Beispielsweise hat dieser arme Amerikaner zweimal hintereinander millionenfach George W. Bush und die Republikaner gewählt, obwohl er wusste, dass die eine Politik für die Reichen machen. Warum? Aus religiösen und patriotischen Gründen, jedenfalls hat er das fest geglaubt.

Mitt Romney hat nun das Rätsel gelöst, warum ein Mann, der behauptet, so sehr christlich zu sein, so kalt rüberkommt. Weil er als Politiker offenbar kalt denkt, weil Christentum bei ihm eine Lebensform meint, das Vater-Mutter-Ehe-Kirchgang-Christentum, nicht jenes, das niemanden zurücklässt, das den Menschen frei machen kann vom schnöden Mammon, fähig, zu lieben und den anderen mit Liebe zu sehen.

Nun sagen in den USA viele professionelle Beobachter des Wahlkampfes, dass Romney sich mit seinem Auftritt selbst versenkt habe. Wenn das stimmt, dann deshalb, weil sich zu viele Wähler in ihrer Ehre gekränkt fühlen, sie wollen kein grasendes Stimmvieh sein. Ehre ist eben auch wichtiger als keine Steuern.