Deshalb stehen die Deutschen vor einer doppelten Bedrohung. Erstens wird ihre Wirtschaft, die vom Export in den europäischen Raum abhängt , direkt von der europaweiten Rezession bedroht. Indem sie von sparunwilligen Ländern Austeritätspolitik verlangt, bestraft sich die Bundesrepublik also selbst. Ein erfolgreiches Deutschland inmitten eines ruinierten Europas? Das wäre nicht möglich. Zweitens aber droht auch politische Gefahr. Die Existenz des Euro wäre infrage gestellt, würde er für die Bevölkerung der Südländer zum Symbol der sozialen Opfer und Leiden; der Auftrieb nationalistischer Parteien würde dann jene politische Union gefährden, die mehrere europäische Generationen, namentlich Deutsche und Franzosen, mit so viel Mühe aufgebaut hatten.

Doch es gibt einen Ausgang aus diesem vertrackten Labyrinth. Europa kann und muss auf die Rezession reagieren: Wachstumspolitik ist jetzt das dringendste Gebot, mehr als Sparpolitik. Nicht dass auf seriöse Budgetpolitik verzichtet werden soll, nein, das Vertrauen der Märkte in die europäischen Regierungen muss wiederhergestellt werden. Eine machtvolle Konjunkturpolitik ist notwendig, und es liegt an Brüssel, sie zu beschließen. Nur sofortiges, gemeinsames Handeln auf kontinentaler Ebene kann eine dramatische Rezession verhindern, die Europa in den Ruin treibt.

Wie das bezahlt werden soll? Durch Kredite der Zentralbank für die EU und nicht bloß für die Banken. In einer schrumpfenden Wirtschaft gibt es schließlich kein Inflationsrisiko. Es ist an der Zeit, dass die Europäische Zentralbank ihre Verantwortung für das Wachstum so wahrnimmt, wie es alle Zentralbanken der Welt tun – und wie es ja auch Mario Draghi zu tun beginnt, indem er Staatsanleihen gefährdeter Länder auf dem Sekundärmarkt kauft. Eine solche Politik der monetären Expansion, gewiss gesteuert und kontrolliert, ist der einzige Rettungsanker für einen Kontinent, der von einer Krise wie im Jahr 1929 bedroht wird. Muss man dafür Dogmen opfern? Unbedingt. Außergewöhnliche Probleme lassen sich nun einmal nie mit gewöhnlichen Mitteln lösen.

Aus dem Französischen von Gero von Randow