Es ist schon erstaunlich, dass die Wissenschaft immer noch über den Hintersinn einiger Körperphänomene rätselt. Manchmal lautet die Antwort der Experten einfach "hat keinen Sinn, ist ein evolutionäres Überbleibsel", etwa bei den männlichen Brustwarzen. Manche Forscher vertreten diese Ansicht auch bezüglich des Schluckaufs – weiteres Nachdenken wäre dann zwecklos.

Aber der Schluckauf ist eine Plage, von der nur Säugetiere befallen werden, und deshalb evolutionsgeschichtlich ziemlich jung. Babys haben diesen Reflex schon im Mutterleib, Säuglinge hicksen sehr häufig, mit zunehmendem Alter wird das Phänomen seltener. Erfüllt der Schluckauf vielleicht bei Föten und kleinen Babys einen Zweck?

Der Reflex ist erstaunlich komplex: Er beginnt mit einer heftigen Kontraktion des Zwerchfells. In der Folge wird die Atemmuskulatur aktiviert. Etwa 35 Millisekunden später verschließt sich die Stimmritze, dabei entsteht der charakteristische Hicks. Durch diesen Verschluss kommt es zu einem Unterdruck im gesamten Brustraum.

Oft kann man lesen, der Schluckauf verhindere beim Ungeborenen, dass Fruchtwasser in die Lungen eintritt. Bis zum dritten Lebensmonat nämlich verschließt der Kehlkopf noch nicht die Luftröhre, und das Baby kann gleichzeitig schlucken und atmen.

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Aber hilft der Schluckauf tatsächlich gegen Flüssigkeit oder Fremdkörper, die in die Luftröhre geraten? In diesem Jahr erschien ein Aufsatz in der Zeitschrift Bioessays . Darin bezweifelt der Autor, Daniel Howes von der Queen’s University im kanadischen Kingston, diese Erklärung. Die Luftröhre werde ja beim Schluckauf verschlossen, und das heftige Einatmen vor dem Verschluss sorge eher dafür, dass Fremdkörper noch tiefer rutschten und nicht herauskatapultiert würden, argumentiert Howes. Außerdem hätten wir schon genügend Reflexe, die für eine freie Luftröhre sorgten – etwa Husten und Niesen.

Howes’ Theorie: Der Schluckauf ziele auf die Speiseröhre. Er sei dazu geeignet, Luft aus dem Magen nach draußen zu befördern – also eine Art aktives Rülpsen. Das erkläre auch, warum ausschließlich Säugetiere Schluckauf bekämen: Die Milch trinkenden Babys könnten so ihren Magen besser füllen und schneller wachsen – ein klarer evolutionärer Vorteil.

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