Goethes Mutter, eine modern gesinnte Frau, pflegte in europäische Staatsanleihen zu investieren, aber nachdem ihre Preußen- und Franzosenbonds praktisch wertlos geworden waren, musste der Sohn sie verkaufen – es gab zu viele Schlösser und Soldaten in den Staaten, zu viel Krieg und Gier, kurzum: zu viele Schulden. Es ist ja nicht so, dass etwas Neues passierte unter der fahlen Krisensonne. Man gewöhnt sich inzwischen daran, Goethe auch als finanzpolitischen Zeitgenossen zu behandeln, den Kritiker des Papiergeldes und des irren Strebens nach dem Golde, den Moralisten und Antimodernisten. Faust II: eine Allegorie des Kapitalismus . Faust I: der Bürger in totaler Selbstverantwortung. Und alles geht im Spiele komplett schief, genau wie heute in echt.

Das Frankfurter Schauspiel sieht den Turm der Europäischen Zentralbank vor sich, unten lagert der letzte Trödel der Occupy-Bewegung , rechts ein Parkhaus, links eine Baustelle, welche sich "The Riverside Financial District" nennt. Goethe würde diese Lage vermutlich "bedeutend" genannt haben. Sie verpflichtet in diesen Zeiten auch künstlerisch. Und tatsächlich: Frankfurt strömt gleichsam in die Neuinszenierungen dieses Doppel-Faust ein, ins Bühnenbild ebenso wie ins ewig flackernde Videomaterial: Man sieht die Glasfassaden und die Trinkhallen, die Porsches und den Osterspaziergang am Mainufer entlang, bis der schwarze Königspudel schelmisch in die Kamera glotzt.

Wie zwei unterschiedliche Tonspuren folgen die beiden Dramen dem Aus- und Einatmen dieser Finanzmetropole. Noch immer recken sich die Schlote der Geldfabriken in den Himmel, wenngleich nicht mehr so selbstsicher wie einst. Frankfurt ist die einzige kapitalistische deutsche Stadt, die zugleich eine vollkommen antikapitalistische ist. Stefan Pucher, der jüngere der beiden Regisseure, Jahrgang 1965, macht aus dem ersten Faust ein grell bebildertes Roadmovie, es ist eine urbane Revue, die in einem überdimensionalen Polyeder stattfindet, immerfort sich drehend und die Farben wechselnd, die Spieler durch expressionistisch schräge Türen drängend und durch Schlupf- und Mauselöcher. Es ist ein Gewese und Gewusel durch all die Kicks der Großstadt hindurch, die einen schlechten Geschmack im Mund hinterlassen, aber mehr auch nicht.

Selbst dem Mephisto ist das ganze Unglück ein wenig peinlich

Puchers Faust (Marc Oliver Schulze) tritt auf als verwahrloster Oberstudienrat aus dem Frankfurter Nordend. Irgendwie scheint er ein Zurückgelassener der Kritischen Theorie zu sein, einer, dem spät, zu spät aufging, dass sich über der fortgesetzten Adorno-Lektüre eine große Traurigkeit seines Gemütes bemächtigte. Mephisto (Alexander Scheer) sieht demgegenüber aus wie der junge David Bowie. Er ist die Club-Bekanntschaft, die immer cooler sein wird als man selbst, der Smarte, mit dem auf einmal alles möglich wird, der lang erwartete Grenzüberschreiter, der Besorger. A walk on the wild side mit einem niederen Teufel. Mephisto-Scheer vergeigt die Schüler-Szene, spielt aber passabel Gitarre. Das Gretchen (Henrike Johanna Jörissen): Typ fuck doll . Am Ende stehen alle belämmert da, sogar Mephisto ist das Ganze ein wenig peinlich. Kurzweilig war diese Affäre schon, aber es wird davon kaum etwas im Gedächtnis bleiben.

Pucher macht so etwas wie Moraltheater für die Jugend. Es handelt vom Egomanen, der die Krise heraufbeschwor, dem Egoshooter und Erlebnisjunkie, dem Auskoster, das Leben abgrasend und auf nichts und niemanden Rücksicht nehmend. Sind wir nicht alle ein bisschen Faust? Nicht länger (alter Faust) sucht er die künstlichen Paradiese in sich, sondern er wirft die Heroinnadel mit großer Geste fort und will fortan (verjüngter Faust), dass sich die Welt für ihn in ein Intensitätskontinuum verwandelt, wieder nur für sich und auf Kosten anderer. Ähnlich wie in Bret Easton Ellis’ American Psycho streift hier ein Investmentbanker durch die Stadt, Finsteres im Sinn. Nachdem er den Weiberschoß gekostet hat, gelüstet es ihn schon wieder nach dem Mammon. Für die Entsprechung von Begehren und Geld, Zahlungs- und Geschlechtsverkehr, gibt es bei Goethe zahllose Prunkzitate. Alle werden sie bei Pucher herbeideklamiert.

Puchers Faust I ist ein fernsehtauglicher Calderon, von lulligem Gitarrenrock begleitet und in Videos getaucht, die oft ziemlich penetrant nach Robert Wilson aussehen. Mitten im Tohuwabohu macht sich das Gefühl von Belanglosigkeit breit. Es ist ein Theater der kapitalismuskritischen Gegenreformation.

Wutbürgerkunst ist alles im Herbst 2012, in den Romanen, den Filmen und auf dem Staatstheater auch. Frankfurt feiert seinen großen Sohn mit einem breit gefächerten Festprogramm. Im Goethehaus hat gerade eine Goethe und das Geld betitelte Ausstellung eröffnet . Ihre Exponate sind karg, ihr geistiger Ertrag passt in einen kleinen Aufsatz: Er war ein guter Geschäftsmann und ein skeptischer Zeitgenosse von Adam Smith. Möchte man, entsprechend dem Zeitgeist in Wut und Empörung sich windend, nicht eigentlich lieber so sein wie er? Distanziert und erfolgreich, statt den üblichen Verdächtigen zuzuhören, die mittags um zwei über "Negativität. Die Dialektik des Fortschritts" schwadronieren?