Bedrohlich schwenkt Uwe Tellkamp ein langes Messer. Er wird es in den folgenden drei Stunden nicht zur Seite legen. Zu Zwecken der Selbstverteidigung dient es aber nicht: Im Gegenteil, Tellkamps Gäste verlassen das Haus gesünder, als sie gekommen sind. Denn der Autor schneidet und schält unaufhörlich für sie – Kohlrabi, Äpfel, Möhren. "Das beruhigt mich", sagt er. Seine karge Schreibstube liegt im Dresdner Viertel Weißer Hirsch, zwei angemietete Räume in der Villa des Landesbauernverbandes. Hier arbeitet Tellkamp am neuen Buch. Die TV-Fassung seines Bestsellers "Der Turm" indes läuft Anfang Oktober im Ersten.

DIE ZEIT: Herr Tellkamp, es heißt, Sie seien zu Tränen gerührt gewesen, als Sie nun die Verfilmung Ihres Romans zum ersten Mal sahen.

Uwe Tellkamp: Das ist wahr. Man schaut einer Geschichte zu und weiß: Da steckt viel von deinem eigenen Leben drin. Und die Figuren handeln, weil du sie zu Papier gebracht hast.

ZEIT: Gefällt Ihnen der Film?

Tellkamp: Ja, sehr sogar. Weil Drehbuchautor und Regisseur es vermocht haben, sich freizumachen von den Verführungen des Stoffes, die da heißen: Schwarz-Weiß-Malerei, Klischeebildung, Beeindruckungskeule. Der Film vermittelt ein Gefühl davon, wie es ist, innerhalb eines hermetischen Systems, innerhalb einer Mauer, zu leben. Zwangsläufig in Konflikte zu geraten, in denen es kein Gut und Böse, kein Richtig und Falsch gibt.

ZEIT: Viele Schriftsteller werden panisch, wenn sie Regisseuren ihren Stoff anvertrauen sollen.

Tellkamp: Ja, Angst hatte ich schon. Meine Hauptfurcht war: Ein Film hat eine ungleich größere Macht als ein Text. Tritt eine Figur sehr klischeehaft auf, fällt das auf den Roman zurück. Die Figuren bekommen plötzlich ein Gesicht. In meinen Texten vermeide ich Schilderungen nach Art Balzacs, also Details der äußeren Erscheinung: Es bringt nichts. Der Christian im Buch ist blond. Aber fragen Sie mal jemanden, der den Turm gelesen hat. Fast jeder wird Ihnen sagen, er habe sich Christian schwarzhaarig vorgestellt. Weil er mir ähnlich sei; oder weil er einen etwas finsteren Charakter habe. Da geraten wir tief in kulturelle Klischees. Ein Roman muss Unschärfe in der Beschreibung lassen. Der Leser füllt die sich selbst. Das nimmt der Film einem weg.

ZEIT: Gibt es ein Detail im Film, das Sie besonders gefreut hat?

Tellkamp: Da ist eine Szene, in der Meno am Schreibtisch sitzt. Und im Hintergrund sieht man ganz klein eine E.T.A-Hoffmann-Gesamtausgabe. Und zwar die aus der DDR. So ein tolles, hintergründiges Detail! Was mich auch gefreut hat, ist die Stimmigkeit der Figuren. Da ist zum Beispiel dieser Stasi-Mensch, der eben nicht als dumme Knallcharge dargestellt wird. Die Stasi war eine Menge, aber nicht dumm.

ZEIT: Könnte der Film das DDR-Bild verändern– mehr noch als Ihr Buch?

Tellkamp: Brutal gesagt: Der Vorwurf, dass alles ganz anders gewesen sei und ich nur Quatsch erzähle, der wird nun schwerer aufrechtzuerhalten sein. Den Autor Telkamp kann man zum Idioten und Ahnungslosen stempeln, zum verwöhnten Bürgersöhnchen – geschenkt. Aber einem Film-Stab von vielleicht 400 Leuten, viele davon Ostdeutsche? Denen kann man dies nicht nachsagen. Die Bandbreite an geostetem Leben, das in diesem Film steckt, ist so viel größer als bei einem subjektiven Buch, das einer geschrieben hat, der 22 Jahre alt war, als die DDR unterging.

ZEIT: Gibt es etwas, das Sie regelmäßig an diese Vergangenheit erinnert?

Tellkamp: Ich habe einen Hefter zu Hause, den mein Vater angelegt hat. Darin sehe ich, was meine Eltern anstellen mussten, um Dinge geradezurücken, die ich "verbrochen" hatte. Das lässt mich nachvollziehen, was mit diesem Land verkehrt war. 

ZEIT: Was ist da drin?

Tellkamp: Eingaben, Briefe an die Schulleitung, an den Kreisschulrat, den Bezirksschulrat. Immer mit dem Tenor: "Bedenken Sie, wie alt der Junge ist." Da ging es um Vorwürfe wie: Hat er wieder Westradio gehört! Welche Aufschrift hatte sein T-Shirt? Was Eltern im Hintergrund so geradebiegen mussten, bei Kleinigkeiten, das war der Wahnsinn. Wenn ich aber mal sehen will, wie die Oberfläche der DDR aussah, ziehe ich mir einen alten Polizeiruf rein. Nicht, um die hanebüchenen Storys zu sehen, sondern wegen der Interieurs, wie ein Büro aussieht, eine Straße, ein Geschäft, wie die Arbeitswelt auf einen wirkt, das interessiert mich.