DIE ZEIT: Die ersten Kohl-Jahre, das waren Ihre Kindheitsjahre. Welche Erinnerungen haben Sie an diese Zeit?

Thomas Biebricher: Meine erste bewusste Erinnerung an ein politisches Ereignis überhaupt ist die Wende 1982. Als Helmut Schmidt nach dem Misstrauensvotum Helmut Kohl gratuliert. Ich war acht Jahre alt, und Herr Schmidt tat mir irgendwie leid. Vielleicht bin ich ja weniger ein Kohl- als ein Schmidt-Kind...

Hanno Hochmuth: Interessant, dass Sie den Begriff der Wende von Kohl übernehmen. Wahrscheinlich bin ich da als ein Honecker-Kind besonders sensibel: Ich bin 1977 geboren und in Ost-Berlin groß geworden. Bei dem Wort Wende denke ich an 1989...

ZEIT: ...an eine Wende, die die Welt veränderte.

Janine Gaumer: 1982 dagegen gab es mehr Kontinuität als Wandel, auch wenn die Wahrnehmung zunächst eine andere war. Ich wurde 1986 geboren. Die erste Hälfte der Amtszeit Kohl kenne ich daher nur aus den historischen Quellen, und die sprechen eine klare Sprache: Kohl setzte Schmidts Politik in vielem fort.

ZEIT: Auch die Wirtschaftspolitik?

Biebricher: Gerade die. Obwohl die Zeitgenossen hier ja besonders harte Einschnitte erwartet hatten. Kohl versuchte wie Schmidt, den Haushalt zu konsolidieren, ohne dass die Sozialsysteme in ihren Grundfesten angetastet wurden. Es gab keinen Kohlismus, keine Kohlonomics, so wie es einen Thatcherismus und Reagonomics gab.

ZEIT: Es gab nur Kontinuität?

Hochmuth: Die eigentliche "Wende" fand früher statt. Es war die sogenannte Tendenzwende, eine Wortschöpfung aus der Mitte der siebziger Jahre. Damals gab es tatsächlich einen ökonomischen Bruch. Die Siebziger waren ein Jahrzehnt der Wirtschaftskrisen – denken Sie an die beiden Ölschocks von 1973 und 1979. Die Ära des Keynesianismus ging zu Ende. Und es vollzog sich ein mentaler Wandel: Auf einmal hatte das Wachstum Grenzen. Der Fortschrittsoptimismus der ersten Nachkriegsjahrzehnte war gebrochen. Meines Erachtens fällt die entscheidende Zäsur in die siebziger Jahre, und mit ihren Folgen musste, wie die Regierung Schmidt, auch die Regierung Kohl umgehen.

ZEIT: Die CDU trat also mit der Verheißung einer Wende an, scheute aber alles, was tatsächlich eine Wende gebracht hätte?

Biebricher: Ja, der CDU fehlte letztlich der Mut. Zum Teil lag es wohl an der konsensorientierten politischen Kultur der Bundesrepublik.

ZEIT: Dabei existierte damals ein Papier, das eine neoliberale Wende hätte begründen können...

Biebricher: Das sogenannte Lambsdorff-Papier. Für den Koalitionspartner SPD war das geradezu ein Scheidungsgrund. Nach 1982/83 verschwand es allerdings gleich wieder in der Schublade. Die FDP kam damit schlicht nicht durch. Denn auch beim neuen Partner, der CDU, stießen diese marktliberalen und sozialstaatskritischen Vorstellungen Lambsdorffs auf wenig Gegenliebe.

Gaumer: Man muss aber auch sagen, dass nicht alles blieb, wie es war. Union und Liberale versuchten sehr wohl, neue Antworten zu finden auf die Herausforderungen, vor denen die Bundesrepublik stand. Sie wollten nach dem Ende des "roten Jahrzehnts" wieder tonangebend sein.

ZEIT: Daher die Charakterisierung der Wende als "geistig-moralisch" und nicht als "politisch-ökonomisch"?

Gaumer: Die Konservativen wollten die Deutungshoheit zurück, sei es in der Wirtschafts-, der Sozial- oder der Vergangenheitspolitik. Die proklamierte "geistig-moralische Wende" war Ausdruck dieses Bemühens. Aber es stimmt schon: Rhetorik und Handeln klafften auseinander.

ZEIT: Wer ähnelte dabei wem? Hat Schmidt bereits eine Art moderater CDU-Politik betrieben, oder setzte Kohl einen rechtssozialdemokratischen Kurs fort?

Biebricher: Beide traten unter ähnlich schwierigen Bedingungen an. Bereits Helmut Schmidt hat es nicht leicht gehabt. Der Ölpreisschock, steigende Inflation bei ausbleibendem Wachstum – Stagflation –, die wachsende Arbeitslosigkeit: Darauf musste er reagieren. Die keynesianischen Rezepte griffen nicht mehr. Schmidt versuchte, die Krise behutsam zu moderieren. Und das führte Kohl fort. Wobei diese Krise aus heutiger Sicht nicht so dramatisch war, wie es den Zeitgenossen erschien. Erst infolge der Ereignisse von 1989/90, als die Einheit finanziert werden musste – was ja vor allem zulasten der Sozialkassen und des Bundeshaushalts ging –, sah sich Deutschland mehr oder weniger gezwungen, tiefgreifende neoliberale Reformen anzugehen.